17. Juli 2017, 20:58 Uhr

»Vernünftige« Waffe

17. Juli 2017, 20:58 Uhr

Für ein neues Bild menschlicher Zerstörungskraft hatte mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Atombombe gesorgt – 1977 fand die Debatte über Wirkungsradien und Opferzahlen einen Höhepunkt in der vorläufigen Entscheidung des neuen US-Präsidenten Jimmy Carter, eine Neutronenbombe bauen zu lassen. Wenngleich sich der im Januar vereidigte mächtigste Mann der Welt vorbehielt, diesen Plan im Zweifelsfall wieder fallen zu lassen, schlug die Vorstellung einer neuen »Wunderwaffe für Europa« – wie das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« titelte – große Wellen.

Der Kalte Krieg hatte in den späten 1970er Jahren die ersten Phasen nach 1945, wie den Mauerbau und die Kubakrise, überstanden, ohne heiß zu werden; nun war neben vielen Stellvertreterkriegen auf dem afrikanischen Kontinent eine Entspannung in Europa möglich – die Verschärfung des Konflikts zu Beginn der 1980er Jahre stand erst noch bevor. Hinein in diese gemäßigtere Politik kam plötzlich die Diskussion um die Neutronenwaffe.

Carter gab seine Entscheidung am 12. Juli bekannt, unsere Zeitung berichtete darüber am Tag darauf auf Seite 1 (siehe rechts). Die Neutronenbombe war keine völlig neue Idee und sollte laut des US-amerikanischen Militärs einen entscheidenden Vorteil haben: Im Prinzip als kleine Wasserstoffbombe konstruiert, sollten die taktischen Geschosse im Feld eingesetzt werden und dort eine tödliche Strahlung freisetzen, die den Gegner in die Knie zwingen würde, ohne extreme infrakstrukturelle Schäden zu verursachen. Auch gingen die Wissenschaftler davon aus, dass die Neutronenstrahlung bereits nach einem Tag wieder abklingen würde. Geplantes Einsatzgebiet war im Kriegsfall gegen die Sowjetunion vor allem die deutsch-deutsche Grenze, weswegen man hierzulande besonders argwöhnisch auf die transatlantischen Waffenfantastereien blickte. In Frankreich indes war man kurz davor, selbst eine Neutronenwaffe anzufertigen.

Bauen ließ Carter die Neutronenbombe im Endeffekt doch nicht, aus Angst, Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets zu behindern. Das Vorhaben setzte erst sein Nachfolger Ronald Reagan Anfang der 1980er Jahre um. In Europa stationiert wurden sie allerdings nie. Zu schlecht war der Ruf jener Waffe, die Gebäude zwar intakt lassen sollte, die Menschen in ihrem Umfeld jedoch einen qualvollen Tod sterben ließ: »Man kotzt sich die Eingeweide heraus, und der Kopf fühlt sich an, als würde er platzen«, gab der Erfinder der Bombe, Samuel Cohen, zu Protokoll. Der Mann hinter dem taktischen Nuklearsprengstoff hielt das Neutronengeschoss bis zu seinem Tod 2010 für eine »vernünftige« Waffe. 1992, nach Ende des Kalten Krieges, musterte die USA ihre verbliebenen Neutronenbomben aus. (tib)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Atombomben
  • Bomben
  • Der Spiegel
  • Jimmy Carter
  • Kalter Krieg
  • Mauerbau
  • Opferzahlen
  • Präsidenten der USA
  • Ronald Reagan
  • Samuel Cohen
  • Spiegel
  • Strahlen
  • Weltkriege
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos