31. Januar 2017, 22:18 Uhr

Tatort Familie keine Privatsache

Tamara Luding hat Glück. Als sie mit zwölf Jahren erzählt, dass ihr Stiefbruder sie sexuell missbraucht, nehmen ihre Freundinnen sie ernst. »Sie haben mich nicht aus dem Freundeskreis ausgeschlossen, sie haben mich nicht bloßgestellt.« Seitdem spreche sie, sagt die Frau mit fränkischem Zungenschlag, die heute als Traumapädagogin arbeitet und Präventionsprojekte für Kitas und Schulen entwickelt. »Laut, öffentlich und immer wieder.«
31. Januar 2017, 22:18 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA

Tamara Luding hat Glück. Als sie mit zwölf Jahren erzählt, dass ihr Stiefbruder sie sexuell missbraucht, nehmen ihre Freundinnen sie ernst. »Sie haben mich nicht aus dem Freundeskreis ausgeschlossen, sie haben mich nicht bloßgestellt.« Seitdem spreche sie, sagt die Frau mit fränkischem Zungenschlag, die heute als Traumapädagogin arbeitet und Präventionsprojekte für Kitas und Schulen entwickelt. »Laut, öffentlich und immer wieder.«

Viele Missbrauchsopfer schweigen über Jahre oder Jahrzehnte. Vor einem Jahr hat die Bundesregierung eine Kommission eingesetzt, die ihnen zuhören soll. Der Auftrag: Herausfinden, welche Strukturen Missbrauch ermöglichen und verhindern, dass er öffentlich angeklagt und aufgearbeitet wird. 600 Betroffene haben sich bereits für vertrauliche Anhörungen gemeldet. Gestern sprachen erstmals Opfer öffentlich vor den sieben Mitgliedern der Kommission. Es geht um Missbrauch in der Familie. »Die meisten gehen davon aus, dass Kinder in der Familie geliebt und geschützt werden«, sagt Kindheitsforscherin Sabine Andresen, die der Kommission vorsitzt. Hier werde besonders deutlich, wie verletzlich Kinder seien und wie angewiesen auf Vertrauenspersonen. »Insofern ist Familie als Tatort keine Privatsache.«

Die Politik will aus den Berichten für die Zukunft lernen. Diesmal geht es um Familie, weitere Themen werden DDR-Einrichtungen und Kirchen sein. »Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gehört in den Mittelpunkt der Politik«, sagt Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), die selbst als junges Mädchen an einem Sorgentelefon für Kinder erstmals Kontakt mit Opfern hatte, wie sie erzählt. Schwesig bekommt von den Betroffenen und Experten in dem Saal am Brandenburger Tor freundlichen Applaus, aber mit der Bundesregierung sind sie hier nicht zufrieden. Vor allem die Entschädigung für Opfer ist ein Thema, das den Regierungsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig wütend macht. Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) habe nicht – wie im Koalitionsvertrag zugesagt – das soziale Entschädigungsrecht und das Opferentschädigungsgesetz reformiert. Ein »Trauerspiel« sei das.

Rörig und auch Ex-Familienministerin Christine Bergmann (SPD) kritisieren vor allem das Verfahren, durch das Betroffene gehen müssen, um zu »beweisen«, dass sie tatsächlich durch Missbrauch geschädigt wurden. Die Anhörungen müssten sensibler werden, fordert Bergmann. »Das ist nicht jemand, der einen Beinbruch hat, sodass man fragt, wo ist das passiert und welche Treppe bist du runtergefallen und wer war dran schuld.«

Nicht gestern, aber bei anderen Gelegenheiten warnt Rörig auch, dass einem Hilfsfonds für die Opfer das Geld ausgehen könnte, in den Bund und Länder eingezahlt haben. Das Geld soll Missbrauchsopfer unterstützen, indem er etwa Therapien finanziert.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos