25. Juni 2017, 21:53 Uhr

Sturm über Al-Dschasira

25. Juni 2017, 21:53 Uhr
Blick in das Al-Dschasira-Studio in Doha. Der Sender durchlebt eine schwere Krise. (Foto: dpa)

Während ein politischer Sturm über seinen Sender hinwegfegt, will Salah Negm von einem Ausnahmezustand nichts wissen. Unten im riesigen Newsroom des Nachrichtenkanals Al-Dschasira arbeiten die Redakteure am Programm der nächsten Stunden, ein Stockwerk höher bemüht sich der Nachrichtendirektor in seinem Büro in Katars Hauptstadt Doha um Normalität. »Bei uns läuft alles wie immer«, sagt Negm, schmaler Körper, graue Haare, leise, aber feste Stimme. »Oder können Sie hier irgendwo einen Sturm bemerken?«

Doch Al-Dschasira erlebt derzeit eine der schwersten Zeiten in seiner mehr als 20-Jährigen Geschichte. Seit dem Ausbruch der Krise um Katar steht der von dem Emirat finanzierte Nachrichtensender im Fokus des Streits. Schon seit langem ist der Kanal ein ständiges Ärgernis für Saudi-Arabien und seine Verbündeten Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten. Die Herrscher in den vier Ländern haben deshalb eine klare Forderung an den Emir von Katar übersandt: Al-Dschasira muss abgeschaltet werden. Für immer.

Einfluss wird ausgebaut

Sie stören sich vor allem daran, dass Al-Dschasira Ägyptens Muslimbrüdern und anderen Islamisten breiten Raum in der Berichterstattung einräumt. Der Sender biete »Terrorismus und Extremismus« ein Podium, wetterte VAE-Außenminister Anwar Karkasch am Samstag. Der Kanal gilt zudem als eines der Medien, die 2011 die arabischen Aufstände anfachten.

Ägyptens Elite gibt ihm bis heute Mitschuld daran, dass 2013 die Muslimbrüder an die Macht kamen. Als das Militär 2015 den frei gewählten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi stürzte, berichtete Al-Dschasira so ausführlich wie kein anderer Sender über die Gegenproteste – zum Verdruss auch der Mächtigen in Saudi-Arabien und den VAE, die die Muslimbrüder wie Ägyptens derzeitige Regierung als Terrororganisation ansehen.

Für die Gegner des Senders ist besonders ärgerlich, dass er mit seinem in der arabischen Welt nach wie vor populärem Programm noch immer die Massen erreicht wie nur wenige TV-Kanäle. Mit dem Ableger Al-Dschasira Englisch, für den Salah Negm arbeitet, macht er international aber auch den Programmen von CNN und der BBC Konkurrenz. Von Sarajewo aus sendet Al-Dschasira zudem ein eigenes Programm für den Balkan. Mit rund 3000 Mitarbeitern ist der Sender ein globaler Spieler geworden. Die Frage nach dem politischen Einfluss seines Geldgebers hat Salah Negm schon oft gehört, diesmal antwortet er mit einer Gegenfrage: »Die Deutsche Welle wird von der deutschen Regierung finanziert. Würden Sie ihr dieselbe Frage stellen?« Mehrfach zählt er die Leitlinien für Al-Dschasiras Berichterstattung auf: »Genauigkeit, Fairness, Ausgewogenheit.«

Philip Seib, Journalismus-Professor an der Universität Süd-Kalifornien, hält Vergleiche mit demokratischen Ländern, die volle Meinungsfreiheit gewähren, ohnehin für unangebracht. Solche Verhältnisse gebe es in der arabischen Welt nicht. »In einer Region, in der selbst eine teilweise Pressefreiheit ein Fortschritt ist, liegen Al-Dschasiras Standards über der Norm«, meint Seib, der das Buch »Der Al-Dschasira-Effekt« geschrieben hat. Der Nachrichtenkanal kritisiere zwar nicht die katarische Herrscherfamilie, fordere den Status quo aber auf andere Weise heraus.

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