07. Februar 2017, 22:45 Uhr

Stoff für Komödianten

07. Februar 2017, 22:45 Uhr

Kellyanne Conways Aufgabe im Weißen Haus besteht darin, den Präsidenten in der Öffentlichkeit gut aussehen zu lassen. Die Chefberaterin kümmert sich um die »großen Linien«, während Sprecher Sean Spicer die Kärrnerarbeit im Briefing-Raum des Weißen Hauses bestreitet. Keine leichte Aufgabe für beide Sprachrohre Trumps, der mit der Realität zuweilen auf Kriegsfuß steht. Die findige Conway machte sich einen Namen als sie die platten Lügen Spicers über die angeblichen Menschenmassen bei der Amtseinführung Trumps in einem Interview als »alternative Fakten« verteidigte.

Nach den massiven Protesten und der Welle an Gerichtsverfahren gegen den Muslimbann ging Conway nun einen Schritt weiter. Sie erfand als Rechtfertigung für das hoch kontroverse Dekret einen Terroranschlag, der belege, wie unverantwortlich Barack Obamas bisherige Flüchtlingspolitik gewesen sei.

Laut Conway handelte es sich um zwei irakische Flüchtlinge, die in ein verschlafenes Nest in Kentucky kamen und sich dort als »Drahtzieher hinter dem Bowling Green Massaker« erwiesen. »Die meisten Leute wissen davon nichts, weil nicht darüber berichtet wurde.« Stimmt. Denn das angebliche Massaker in Bowling Green, Kentucky, hat sich nie ereignet. Worüber die Medien ausführlich berichtet hatten, waren die Ermittlungen des FBI gegen die beiden Männer, die in Irak Verbindungen zur El Kaida unterhielten. Conway sah sich genötigt, via Twitter zu behaupten, ihr sei ein harmloser Versprecher unterlaufen. Leider fällt auch diese Erklärung in die Kategorie »alternative Fakten«. Die Beraterin Trumps präsentierte das nicht-existierende Massaker auch in Interviews mit »TMZ« und »Cosmopolitan« als Tatsache.

Derweil fielen die Satiriker über Trumps »Neusprech«-Beauftragte her. Wie Amerika auch herzhaft über den Sketch auf »Saturday Night« lachte, in dem Melissa McCarthy in der Rolle des Sean Spicer den Sprecher des Präsidenten zu einer Witzfigur degradierte. Ein maßloser Kaugummikonsument, der sich für keine Orwellsche Unwahrheit zu schade ist.

Aus dem Umfeld des Weißen Hauses verlautete, all dies sei dem um seine Reputation besorgten Trump übel aufgestoßen. So übel, dass er auf die sonst übliche Twitter-Kritik von »Saturday Night Life« verzichtete. Stattdessen wählte er seinen Besuch beim »Central Command« in Tampa als Kulisse, die nächste Breitseite in seinem »Krieg gegen die Medien« abzufeuern.

Der Präsident kehrte zu Conways ursprünglicher Kritik zurück, und behauptete, die »sehr, sehr unehrlichen« Medien unterschlügen islamistischen Terror. »Es ist bis zu einem Punkt gekommen, an dem nicht einmal mehr darüber berichtet wird«, beklagte er vor den Militärs und fügte ominös hinzu. »Die haben ihre Gründe dafür – sie wissen schon.« Conway und Spicer produzierten im Eiltempo eine Liste mit »Beispielen«, die 78 Vorfälle enthielt, in denen die Presse ihrer Informationspflicht angeblich nicht genügend nachgekommen sei. Tatsächlich stimmt auch das nicht, wie amerikanische Medien schnell mit Archivauszügen belegten.

Experten halten Trumps jüngsten Angriff für besonders bedenklich, weil er einmal mehr darauf abzielte, das Vertrauen in Institutionen der Demokratie zu unterminieren. »Er behauptet diese Unwahrheiten, ohne irgendwelche seriösen Beweise dafür vorzulegen«, klagt David Gergen, der vier Präsidenten als Berater zur Seite stand.

In jedem Fall haben die Mitternachtskomödianten neuen Stoff. In der eilig zusammengetragenen Terrorliste wimmelt es nur so von Fehlern. Von dem fehlenden »c« in »attack« bis hin zur falschen Namenschreibung von San Berna(r)dino. »Wenn das Weiße Haus nicht einmal weiß, wie es San Bernardino schreibt«, ätzt der Kongressabgeordnete Mark Takano aus Kalifornien, »sollte es vielleicht einen der Tausenden herzzerreißenden Artikel über die Opfer lesen«.

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