28. Mai 2017, 22:03 Uhr

Steinbrücks Blutgrätsche und die Schulz-Offensive

28. Mai 2017, 22:03 Uhr
Das Störfeuer von Steinbrück sorgt für Wirbel. (Foto: dpa)

Die SPD schäumt. An und für sich kein ungewöhnlicher Zustand. Von himmelhoch jauchzend, wie beim Schulz-Hype, bis zu Tode betrübt nach dem Machtverlust in ihrer Herzkammer Nordrhein-Westfalen – die Genossen sind für ihre Gemütswallungen bekannt. Als Todsünde in der ältesten deutschen Partei gilt mangelnde Solidarität. Ausnahmen (wie der Sturz von Kurt Beck) bestätigen dabei die Regel. Der ganze Zorn der Partei richtet sich nun gegen einen Mann, mit dem viele in der SPD nie warm wurden: Peer Steinbrück.

Der ging 2013 nach einem völlig verkorksten Wahlkampf als Kanzlerkandidat unter. Jetzt fährt der Ex-Finanzminister dem aktuellen Kanzlerkandidaten Martin Schulz in die Parade. Zwar dürfte einiges, was Steinbrück über große Sonntags-Interviews losgelassen hat, satirisch überzeichnet sein – Privatier Steinbrück ist ab Juli mit dem Kabarettisten Florian Schroeder auf Bühnentour. Ein bisschen SPD-Bashing ist da keine schlechte Werbung. Was Steinbrück, der Ende September 2016 den Bundestag verließ und in Hamburg über die Helmut-Schmidt-Bundesstiftung wacht, aber von der Seitenlinie halbironisch ins SPD-Spielfeld schießt, treibt das Schulz-Team zur Weißglut. Die 100 Prozent bei dessen Wahl zum Parteichef seien »vergiftet« gewesen: »Die Partei saß plötzlich auf Wolke sieben, es hat sich ein Realitätsverlust eingestellt, und das Publikum hat sich gewundert: Steht da jetzt Erich Schulz-Honecker?«

Das trieft vor Häme. Und genauso wird es in der SPD verstanden. So giftet Bundesvize Ralf Stegner, als Chef-Propagandist der Sozialdemokraten bei Twitter selbst kein Kind von Traurigkeit, gegen Steinbrück: »Andere, selbst an ihrer Hybris gescheitert, geben via Kommentaren der Partei, der sie (noch) angehören, unerbetenen schlechten Rat. Kurios.« Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), findet Steinbrücks Einlassungen ebenfalls nicht witzig.

Warum haut Steinbrück abseits seiner PR-Strategien so in den Laden? Vielleicht schaute er Mittwochabend »Maischberger«. Im TV-Sessel distanzierte sich Schulz unter anderem klar von Steinbrücks damaligem Gehabe, das Kanzlergehalt sei zu mickrig.

Jubel für den Chef

Die Parteispitze verurteilt Steinbrücks Egotrip – seine Analyse aber trifft durchaus einen Nerv. Der von Schulz geduldete, vom Wähler zurückgewiesene rot-rote Flirt im Saarland? »Das hätte ich der SPD vorher sagen können. Rot-Rot-Grün ist, jedenfalls im Westen, schlicht und einfach nicht akzeptabel«, sagt Steinbrück. Zu enger Fokus auf das Gerechtigkeitsthema? Haben die Schulz-Strategen selbst erkannt. So hat der Kanzlerkandidat sein Angebot verbreitert, unterfüttert seine Gerechtigkeitserzählung mit konkreten Verbesserungsvorschlägen.

Ihm werde der Charme eines Sparkassen-Angestellten angedichtet, sagt Schulz. »Neulich hab ich irgendwo gelesen, sieht aus wie ein Eisenbahn-Schaffner.« Was sei das für eine oberflächliche Haltung, ereifert er sich: »Die überwiegende Mehrheit der Menschen in diesem Lande ... kauft die Anzüge von der Stange oder hat vielleicht auch nur ein Kassengestell bei der Brille. Aber genau das sind die Leute, die dieses Land am Laufen halten.«

Es ist der Moment, in dem Schulz den SPD-Funktionären am Wochenende im Willy-Brandt-Haus ganz nah kommt. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern? Eine »Schande«, die er in seinen ersten 100 Tagen als Kanzler tilgen wolle. Die Union als Hüterin von Recht und Ordnung? »Das ist kein Privileg irgendeiner Partei, die da rumläuft.« Nach 69 Minuten Redezeit jubeln ihm seine Anhänger zu.

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