02. November 2017, 22:26 Uhr

Sir Fallon fällt tief

02. November 2017, 22:26 Uhr
Sir Michael Fallon war bis dato Großbritanniens Verteidigungsminister. Nachdem bekannt wurde, dass er bei einem Essen einer Journalistin mehrfach ans Knie gefasst hat, hat er nun seinen Hut genommen. Fallon ist bei Weitem nicht der einzige britische Politiker, der mit Sexismusvorwürfen konfrontiert wird. (Foto: dpa)

Um Vorwürfen des Kontrollverlusts vorzubeugen, hat die britische Premierministerin Theresa May am Donnerstagmorgen umgehend auf den Rücktritt von Sir Michael Fallon reagiert. May ernannte Gavin Williamson zum neuen Verteidigungsminister. Williamson diente zuvor als parlamentarischer Geschäftsführer der Konservativen Partei und ist einer der engsten Gefolgsleute der Premierministerin. Der 41-Jährige hatte als Kampagnenmanager Mays ihre Wahl zur Parteivorsitzenden betrieben und gilt als entschiedener Gegner des Außenministers Boris Johnson. Unter seinen Kollegen ist Williamson wegen seines kompromisslosen Stils als »Meuchler mit dem Milchgesicht« bekannt.

Sekretärin sollte in Sex-Shop

Sir Michael Fallon musste zurücktreten, nachdem im Zuge der Affäre um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein auch in der britischen Politik immer mehr Fälle von sexueller Belästigung bekannt wurden. Sir Michael hatte vor 15 Jahren, damals noch ein einfacher Hinterbänkler der Konservativen Partei, während eines privaten Mittagessens seine Hand auf das Knie der Journalistin Julia Hartley- Brewer gelegt. Die nahm sie weg, er platzierte seine Finger erneut an der gleichen Stelle. Daraufhin, so Hartley-Brewer, habe sie ihm »ruhig und höflich erklärt, dass, tue er es nochmals, ich ihm ins Gesicht schlagen würde«. Da habe Fallon seine Hand zurückgezogen und das »war es dann auch«, laut Hartley-Brewer.

Doch obwohl die Journalistin kein Aufhebens um die Geschichte machen wollte, beendete sie die Karriere des 65-jährigen Verteidigungsministers, weil die Enthüllungen über den Sexismus im Regierungsviertel Westminster in den letzten Tagen eine fiebrige Atmosphäre haben entstehen lassen, die Hartley-Brewer selbst als »Hexenjagd« empfindet und alles andere als gutheißt. Fallon begründete seinen Rücktritt damit, dass er »in der Vergangenheit nicht die hohen Standards erfüllt habe, die wir von unseren Streitkräften, die ich repräsentiere, erwarten«. Doch es war wohl nicht nur das Knie der Journalistin, das ihm zum Verhängnis wurden. Fallon musste, wie britische Medien berichten, wohl auch deswegen seinen Hut nehmen, weil er gegenüber der Premierministerin nicht garantieren konnte, dass nicht weitere einschlägige Fauxpas ans Licht kommen könnten.

Neben Fallon sind einige weitere konservative Politiker von dem sich ausbreitenden Sexismus-Skandal betroffen. Den Staatssekretär im Handelsministerium, Mark Garnier, erwarten jetzt disziplinarische Untersuchungen, nachdem er zugab, seine Sekretärin gebeten zu haben, für ihn zwei Vibratoren in einem Sex-Shop zu kaufen. Der Tory-Abgeordnete Stephen Crabb sandte sexuell explizite SMS an eine 19-jährige Frau, die sich erfolglos um einen Job bei ihm beworben hatte. Und Premierministerin May ist auch deswegen unter Druck, weil diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs zu sein scheinen. Zurzeit kursiert eine Liste in den sozialen Medien, die gut 40 Abgeordnete der Konservativen nennt, die sexuelle Verfehlungen begangen haben oder eine »gesteigerte Libido« aufweisen. Unter den Genannten sind 15 Mitglieder ihrer Regierung, darunter auch Kabinettsminister.

Von ihrem Stellvertreter Damian Green wurde am Mittwoch bekannt, dass er sich gegenüber einer 30 Jahre jüngeren Frau Freiheiten herausgenommen haben soll. Kate Maltby beschrieb in einem Beitrag für die »Times«, wie der 61-Jährige während eines gemeinsamen Drinks ihr Knie »flüchtig« berührt habe: »So kurz, es war fast abstreitbar.« Später habe er ihr eine SMS geschickt, die sie als »zweideutig« empfunden habe. Auch auf Damian Green kommt jetzt eine Untersuchung des Cabinet Office zu, ob er gegen den Verhaltenskodex für Minister verstoßen habe. Green bestreitet allerdings entschieden, jemals das Knie von Maltby berührt oder sexuelle Absichten gehabt zu haben. Er hat Anwälte engagiert, die eine Verleumdungsklage prüfen.

Für die Premierministerin sind diese Skandale und Skandälchen alles andere als eine Lappalie. Sollte Damian Green, einer ihrer ältesten und treuesten Mitstreiter, ebenfalls zum Rücktritt gezwungen sein, würde der Eindruck verstärkt, dass ihre Regierung langsam auseinanderfällt und sie selber nur eine Regierungschefin auf Zeit ist. Und für die Brexit-Verhandlungen ist der Eindruck von politischer Schwäche das reine Gift. Die Möglichkeit, dass Theresa May nicht in der Lage sein könnte, einen Deal im Kabinett zu vereinbaren oder durchs Parlament zu bringen, würde ihre Verhandlungsposition untergraben. »Die Schlüsselfrage ist, ob Fallon der Erste von vielen ist«, meint der Politologe Tim Bale von der Queen Mary University of London. »Wenn das Rinnsal zur Flut wird und wenn es irgendwie danach aussieht, dass sie von einigen dieser Fehltritte wusste, aber nichts unternahm, dann wird es verfänglich für Frau May.«

May versucht, Leck zu stopfen

Zumindest unternehmen will sie jetzt etwas. May hatte an den Sprecher des Unterhauses John Bercow geschrieben und ihn um Mithilfe gebeten, um für Abgeordnete einen verbindlichen Verhaltenskodex und für deren Beschäftigte ein wirksameres Beschwerdeverfahren einzuführen. Außerdem hat sie ein Krisentreffen mit allen Parteivorsitzenden angeordnet, um zu besprechen, wie man eine unabhängige Institution einrichten könne, die in Zukunft Fälle von sexueller Belästigung untersuchen und über sie entscheiden könne. Die Bereitschaft dazu ist in allen Parteien durchaus vorhanden, denn nicht nur die Torys sind von Sexismusvorwürfen betroffen.

Doch vor allem die Regierungspartei steht jetzt im Scheinwerferlicht. Die Londoner Abendzeitung »Evening Standard« brachte am Donnerstag Mays Schwierigkeiten in einer Karikatur ins Bild. Da steht die Premierministerin vor einer Talsperre und hat den Zeigefinger in ein Loch gesteckt, um die Flut aufzuhalten. Aber quer über die Mauer breitet sich ein Riss aus, der immer größer wird.

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