18. Januar 2017, 21:58 Uhr

Schlappe für Fundi-Flügel

Die Grünen-Parteibasis hat Cem Özdemir zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im September gekürt. An der Urwahl hatten sich rund 59 Prozent der fast 61 000 Parteimitglieder beteiligt. Fast 36 Prozent sprachen sich für den Parteivorsitzenden Özdemir aus. Doch am Ende wurde es richtig eng: Robert Habeck, der schleswig-holsteinische Umweltminister, holte nur 75 Stimmen weniger. So knapp die personelle Entscheidung ausfiel, so klar geriet sie zur Richtungsentscheidung im innerparteilichen Flügelstreit: Özdemir und Habeck werden beide den eher bürgerlich ausgerichteten »Realos« zugerechnet. Dem einzigen Bewerber aus den Reihen der linksorientierten »Fundis«, Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter, bundesweit deutlich bekannter als Habeck, blieb mit 26,2 Prozent der Stimmen nur der dritte und letzte Platz.
18. Januar 2017, 21:58 Uhr
Die Parteibasis der Grünen darf sich ihre beiden Spitzenkandidaten selbst wählen. Sie setzt auf bekannte Gesichter mit jahrzehntelanger politischer Erfahrung – Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt. (Foto: dpa)

Die Grünen-Parteibasis hat Cem Özdemir zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im September gekürt. An der Urwahl hatten sich rund 59 Prozent der fast 61 000 Parteimitglieder beteiligt. Fast 36 Prozent sprachen sich für den Parteivorsitzenden Özdemir aus. Doch am Ende wurde es richtig eng: Robert Habeck, der schleswig-holsteinische Umweltminister, holte nur 75 Stimmen weniger. So knapp die personelle Entscheidung ausfiel, so klar geriet sie zur Richtungsentscheidung im innerparteilichen Flügelstreit: Özdemir und Habeck werden beide den eher bürgerlich ausgerichteten »Realos« zugerechnet. Dem einzigen Bewerber aus den Reihen der linksorientierten »Fundis«, Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter, bundesweit deutlich bekannter als Habeck, blieb mit 26,2 Prozent der Stimmen nur der dritte und letzte Platz.

Katrin Göring-Eckardt, ebenfalls Angehörige des Realo-Flügels, stand als einzige weibliche Bewerberin bereits als zweite Spitzenkandidatin fest. Normalerweise setzen die Grünen nicht nur auf die feste Frauenquote – auch der realpolitische und der linke Flügel sollen stets gleichermaßen vertreten sein. Doch die Parteibasis hat sich nun anders entschieden.

Dass mit Göring-Eckardt und Özdemir ein reines Realo-Duo die Grünen in den Wahlkampf führen wird, bedeutet auch, dass die Chancen auf eine mögliche Koalition mit der Union deutlich gestiegen sind. Göring-Eckardt berichtete vielsagend, dass zu den ersten Gratulanten der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann gehört habe. Der regiert in Stuttgart mit dem Juniorpartner CDU und ist in bürgerlichen Kreisen ausgesprochen beliebt.

Die Koalitionsfrage

Aus dem »Ländle«, stammt auch der 51-jährige Özdemir. Als Sohn türkischer Gastarbeiter in Bad Urach aufgewachsen, trat der »anatolische Schwabe« bereits im Teenager-Alter den Grünen bei. Deren Ur-Anliegen, der Umweltschutz, habe ihn angezogen, sagt er. Später sollte er sich allerdings hauptsächlich anderen Themen widmen – etwa der Bildungs-, Integrations- und Außenpolitik. 1994 war Özdemir als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag eingezogen, seit 2008 ist er Parteichef.

Viele Grüne halten den zweifachen Vater für den richtigen Mann, um auch auf Fragen, mit denen sich die Partei bislang schwertut, Antworten zu finden. Etwa wenn es um die Herausforderungen der Flüchtlingspolitik oder die Bedrohung durch den Islamismus geht. »Demokratie muss auch wehrhaft sein gegen diejenigen, die die Demokratie mit Worten und Taten angreifen«, sagte Özdemir.

Die politischen Wurzeln von Kathrin Göring-Eckardt, 50, liegen in der DDR-Bürgerrechtsbewegung. Mit dem Baby im Tragetuch demonstrierte sie einst für mehr Freiheit – das SED-Regime reagierte mit Wasserwerfern. Die Thüringerin gilt als wertkonservativ und engagiert sich in der evangelischen Kirche. 1998 wurde sie in den Bundestag gewählt, seit 2013 führt sie gemeinsam mit dem Parteilinken Hofreiter die Bundestagsfraktion.

Alle Fragen nach möglichen Koalitionspartnern ließen Göring-Eckardt und Özdemir ausdrücklich offen. Ziel sei es, die Grünen zu einem so starken Wahlergebnis zu führen, dass bei einer Regierungsbildung kein Weg an ihnen vorbeiführe. Beide wollten weder eine schwarz-grüne noch eine rot-rot-grüne Regierungskoaliton ausschließen.

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