14. Mai 2017, 23:27 Uhr

SPD im Jammertal

14. Mai 2017, 23:27 Uhr

»An eine trostlosere Wahlparty kann ich mich nicht erinnern«, sagt der weißhaarige Genosse mit der SPD-Anstecknadel am Revers seines Wollsakkos. Das Berliner Willy-Brandt-Haus ist kurz nach 18 Uhr proppevoll, doch als die ersten Hochrechnungen über die Großbildleinwände flimmern, verstummen alle Gespräche auf einen Schlag. Die SPD hat das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten in Nordrhein-Westfalen eingefahren. Beklommene Stille. Minuten dauert es, bis das in der Bundeszentrale versammelte Parteivolk die Sprache wieder findet.

Der Senior analysiert: »Hannelore Kraft ist vom Wähler abgestraft worden, die Gründe dafür liegen in der Landespolitik«, sagt er. Kraft hätte sich rechtzeitig von ihrem Innenminister Ralf Jäger trennen sollen, glaubt der Senior. Dem wird im Zusammenhang mit den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln oder im Fall des späteren Berlin-Attentäters Anis Amri Versagen vorgeworfen.

Nur Sekunden später ist Hannelore Kraft auf der Großbildleinwand zu sehen. Im Willy-Brandt-Haus brandet kurz Applaus auf, als sie die alleinige Verantwortung für das Wahldebakel übernimmt und von ihren Ämtern als nordrhein-westfälische Landesvorsitzende und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD zurücktritt. Die SPD hat ihre Erklärung gefunden: Hannelore Kraft ist schuld.

Doch jeder im Raum weiß: Nordrhein-Westfalen ist auch die Heimat des Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Und Schulz, der nun bereits die dritte Wahlschlappe in Folge verantworten muss, tritt kurz darauf auf die Bühne, unter eher mitleidigem Klatschen. »Ein schwerer Tag für die SPD und auch für mich,« sagt Schulz, räumt eine »krachende Niederlage« für die Partei ein. An einen »Schulz-Effekt«, der automatisch Wahlsiege bringt, glaubt im Willy-Brandt-Haus wohl endgültig keiner mehr. Auch Schulz ist klar, dass er nach dem erlittenen »Leberhaken« eine neue Strategie braucht: »Wir werden nachdenken, was wir hier in Berlin verändern müssen«.

Seehofer mahnt

Ausgelassen feiert dagegen die CDU im Berliner Konrad-Adenauer-Haus den unerwartet deutlichen Wahlsieg von Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen, der »Herzkammer der Sozialdemokratie«. Generalsekretär Peter Tauber spricht von einem »Erfolg der gesamten Union«, an dem natürlich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel entsprechenden Anteil habe. »Wenn die Union geschlossen kämpft, kann sie viel erreichen«, wiederholt Tauber seine Analyse des CDU-Siegs in Schleswig-Holstein vor einer Woche. Die Union müsse aber weiter auf ihre eigenen Themen setzen.

Aus München mahnt auch CSU-Chef Horst Seehofer die Union, »auf dem Teppich zu bleiben. Der Sieg von Armin Laschet sei eine »großartige Leistung. Die »Schulz-Festspiele« seien nun zwar endgültig vorbei. Dennoch sieht er in der NRW-Wahl keine Vorentscheidung für die Bundestagswahl im Herbst dieses Jahres.

Jubel herrscht auch bei den Liberalen im Hans-Dietrich-Genscher-Haus, als die ersten Hochrechnungen mit rund zwölf Prozent nicht nur ein Plus von rund vier Prozent offenbaren, sondern möglicherweise auch das beste Wahlergebnis der FDP aller Zeiten ankündigen. Vor und hinter dem Rednerpult lachende, zufriedene Gesichter, der stellvertretende Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki spricht von einem Meilenstein.

In der Bundeszentrale der Grünen nehmen Parteimitglieder die ersten Hochrechnung dagegen schweigend zur Kenntnis. Spitzenkandidat Cem Özdemir kündigt an, aus der Schlappe in Nordrhein-Westfalen Konsequenzen zu ziehen – ohne Einzelheiten zu nennen. Sowohl das gute Abschneiden in Schleswig-Holstein in der Woche zuvor als auch das Ergebnis in NRW enthielten »klare Botschaften«. Im Hinblick auf die Bundestagswahl im September werde der Kurs der Eigenständigkeit ohne Koalitionsaussage beibehalten.

Bei der AfD herrscht verhaltene Freude über den Einzug in den Düsseldorfer Landtag. Die Partei hatte auf ein zweistelliges Ergebnis gehofft. Mit Blick auf erste Hochrechnungen, die seine Partei bei Werten zwischen sieben und acht Prozent sahen, sagt Parteichef Jörg Meuthen: »Wir werden in der Bundestagswahl deutlich stärker sein, als in NRW«.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Alternative für Deutschland
  • Anis Amri
  • Armin Laschet
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel
  • CDU
  • Cem Özdemir
  • FDP
  • Hannelore Kraft
  • Hochrechnungen
  • Horst Seehofer
  • Jörg Meuthen
  • Martin Schulz
  • Peter Tauber
  • Ralf Jäger
  • SPD
  • Wolfgang Kubicki
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos