Meinung & Hintergrund

Nicht drüber geredet

Ein Bundeskanzler mit schwacher Gesundheit? Das war und ist für viele undenkbar. Waren frühere Regierungschefs ernsthaft krank, wurde geschwiegen oder bewusst verharmlost. Schwäche zu zeigen, verbot sich im Amt des Bundeskanzlers offenbar. Man fürchtete wohl, dies könne ausgenutzt werden - vom politischen Gegner etwa oder von Konkurrenten innerhalb der eigenen Partei.
10. Juli 2019, 21:52 Uhr
DPA
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Schmidt

Ein Bundeskanzler mit schwacher Gesundheit? Das war und ist für viele undenkbar. Waren frühere Regierungschefs ernsthaft krank, wurde geschwiegen oder bewusst verharmlost. Schwäche zu zeigen, verbot sich im Amt des Bundeskanzlers offenbar. Man fürchtete wohl, dies könne ausgenutzt werden - vom politischen Gegner etwa oder von Konkurrenten innerhalb der eigenen Partei.

Bei Willy Brandt zum Beispiel gab es während seiner Amtszeit immer wieder Spekulationen über mögliche Depressionen, da er sich regelmäßig für einige Tage aus der Öffentlichkeit zurückzog. Kurz vor seinem Rücktritt war dann offiziell von einer »fiebrigen Erkältung« die Rede. Im Nachhinein gab der 1992 verstorbene Altkanzler zu: »In Wirklichkeit war ich kaputt.«

Ohnmachtsanfälle

Brandts Nachfolger Helmut Schmidt antwortete in einem Interview der »Zeit« 2014 auf die Frage, ob Brandts Depressionen kaschiert worden seien: »Wir haben darüber nicht geredet, wir haben es stillschweigend zur Kenntnis genommen. Und er hat seine Arbeit doch fabelhaft gemacht.«

Schmidt selbst litt regelmäßig unter Ohnmachtsanfällen, die während seiner Kanzlerschaft nicht offiziell publik wurden. »Wir haben darüber nicht geredet, sondern es war klar, dass wir nichts sagen würden. Das Entscheidende ist, dass die Umgebung des Politikers, dass die die Schnauze halten«, sagte er im selben Interview. Und fügte hinzu: »Ich bin wahrscheinlich an die hundertmal besinnungslos vorgefunden worden. Meistens nur wenige Sekunden, manchmal aber auch Minuten. Das haben wir mit Erfolg verheimlicht - und es hat mich nicht daran gehindert, meine Pflicht als Regierungschef zu tun.«

Absage undenkbar

Auch Helmut Kohl hatte als Kanzler mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Kurz vor dem Bundesparteitag der CDU im September des Jahres 1989 etwa litt er unter großen Schmerzen - und hätte eigentlich sofort an der Prostata operiert werden sollen. Stattdessen verständigte sich Kohl mit seinem Arzt auf einen provisorischen Eingriff, fuhr am nächsten Tag zum Parteitag und stand ihn tatsächlich irgendwie durch. Eine Absage war für Kohl undenkbar, da er Angst vor einem parteiinternen Putsch hatte. Sein Arzt war während des Parteitags dabei und wurde als »neuer Mitarbeiter« ausgegeben, wie Kohl in seinen »Erinnerungen« schreibt.

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