28. November 2018, 21:48 Uhr

Missbrauch vertuscht

Für manche war er der gute Seelsorger, andere machte er zu sexuellen Opfern. Ein Jahre zurückliegender Missbrauchsskandal schockiert die Katholiken in Nordrhein-Westfalen. Auch weil der spätere Bischof von Münster dabei eine verhängnisvolle Rolle spielte.
28. November 2018, 21:48 Uhr
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Von DPA

Die beiden Hauptpersonen sind nicht da. Beide längst tot. Es geht um Münsters 2013 gestorbenen Bischof Reinhard Lettmann. Und es geht um einen pädophilen Priester, den Lettmann 1971, damals noch als Generalvikar, trotz früherer Verfehlungen in die Kirchengemeinde im westfälischen Rhede versetzte. Dort missbrauchte der Geistliche erneut Kinder und Jugendliche. Auch im Ferienlager, wie Zeugen jetzt dem Bistum berichteten. Und das, obwohl die Bistumsleitung, zu der auch Lettmann gehörte, von der Vorgeschichte des Mannes wissen musste.

Als der jetzige stellvertretende Generalvikar des Bistums, Jochen Reidegeld, am Dienstagabend bei einer Informationsveranstaltung bei den Opfern im Namen des heutigen Bischofs um Vergebung bittet, ist ihm die Scham und Betroffenheit anzusehen. Reidegeld kämpft mit den Tränen. Von Versagen ist die Rede. Seine katholische Kirche müsse jetzt endlich die Strukturen zerschlagen, die das jahrzehntelange Vertuschen erst möglich gemacht haben. Reidegeld redet von Männerbünden und fordert, dass jetzt möglichst schnell Frauen Ämter übernehmen müssten. »Und da will ich nicht mehr hören, dass die Kirche dafür noch Generationen braucht«, sagte er.

Dass der pädophile Priester nicht nur im westlichen Münsterland Opfer fand, wird beim Blick auf seine Versetzungsliste klar. Er musste alle paar Jahre seinen Einsatzort wechseln, einmal wurde er an eine Schule versetzt. »Es gab Entscheidungen, vor denen man aus heutiger Sicht einfach fassungslos steht. Wie konnte man einen Priester, der sich des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen? Wie konnte man ihn erneut in eine Pfarrei einsetzen?«, fragte Reidegeld.

Er spricht von strukturellem Versagen der Kirche. Als Gemeindemitglieder sich in der Versammlung melden und sich geschockt zeigen, weil Verbrechen von der obersten Bistumsleitung gedeckt und vertuscht wurden, stockt Reidegeld. Er könne sich den Wortmeldungen nur anschließen, sagt er leise. Der spätere Bischof Lettmann hatte den Priester – damals noch im Amt des Generalvikars – versetzt. Dafür hat das Bistum jetzt einen schriftlichen Beleg gefunden.

Dass es aber auch eine Spaltung der betroffenen Gemeinden gab und gibt, machten Wortmeldungen hinter vorgehaltener Hand vor Beginn der Versammlung deutlich. »Alles hochgepuscht, solche Fälle gibt es doch in jedem Sportverein«, sagte ein älterer Mann in Reihe 1. Die Bistumsleitung berichtete, dass der vorbestrafte Priester für andere Teile der Gemeinde wichtige Arbeit als Seelsorger geleistet habe.

Offiziell haben sich allein aus der Gemeinde Rhede mehrere Opfer beim Bistum gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte hier und in weiteren Gemeinden weitaus höher sein. Die katholische Kirche hatte im September eine Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt. Demnach sollen zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben. Im Bistum Münster fanden sich bei 138 Klerikern Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger.

Das Bistum Münster kündigte an, mithilfe von Dritten die Vorwürfe aufzuarbeiten. Man stehe dabei erst am Anfang. Erschwerend komme hinzu, dass die Personalakten unvollständig seien. Es fehlen Versetzungsurkunden. Daher müssen jetzt noch zusätzliche Dokumente wie Sitzungsprotokolle oder Briefwechsel ausgewertet werden. Denn: In vielen Fällen sei unklar, wer was zu verantworten hatte. Die Staatsanwaltschaft Münster prüft derzeit, ob Ermittlungen aufgenommen werden. Dazu gab es erste Gespräche mit dem Bistum.

Die erste Reihe im Saal wurde im Laufe des Abends immer wortkarger. Mehrere Betroffene aus den hinteren Reihen meldeten sich zu Wort. Andere zeigten sich geschockt von den geschilderten Verbrechen: »Er ging bei uns ein und aus, er hat uns sogar getraut«, sagte eine Frau betroffen. Sie hatte nur die gute Seite des Priesters kennengelernt.



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