06. Juni 2017, 22:29 Uhr

Immer neue Anschläge

Terror und Gewalt, in immer kürzerem Abstand – hat das eine Gewöhnung an den Schrecken zur Folge? Wird der Terror zur Routine? Und wenn dem so ist, ist das ein Zeichen von Abstumpfung oder genau die richtige Anti-Terror-Strategie?
06. Juni 2017, 22:29 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA

Gerade aufgestanden, erster Blick aufs Handy: Schon wieder ein Terroranschlag! Wie oft hat es diesen Moment in letzter Zeit gegeben. Die Abstände dazwischen scheinen immer kürzer zu werden. Am Sonntag gedachte Manchester mit einem Benefizkonzert der Toten des Anschlags vom 22. Mai – aber zu diesem Zeitpunkt waren in London schon wieder sieben neue Opfer zu beklagen. »Der Blitz schlägt niemals zweimal am selben Ort ein«, sagt ein Sprichwort. Doch beim Terror gilt das nicht mehr. Zweimal wurde London in den vergangenen drei Monaten getroffen. Und beide Male fuhren die Täter auf einer Brücke mit Autos in eine Menschenmenge und gingen anschließend mit Messern auf Zufallsopfer los. Die Häufung der Anschläge erzeugt ein Klima stetiger Alarmierung. »Wir werden wohl auf lange Zeit mit dem Terror leben müssen«, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in seiner Reaktion auf den Anschlag von London gesagt. »Gewöhnen an ihn werden wir uns nicht.« Natürlich: Man darf sich nicht daran gewöhnen. Aber tut man es nicht doch? Nach jedem Anschlag schießt die öffentliche Erregungskurve nach oben, doch der Einbruch folgt immer schneller. Anders ist es, wenn man einen persönlichen Bezug hat. Wer zufällig an der Berliner Gedächtniskirche vorbeifährt und dann sieht, dass dort noch immer Blumen für die Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt liegen, der kann für einen Moment wieder ehrlich bewegt sein. Ähnliches gilt, wenn man eine Freundin in London hat, die zum Zeitpunkt des Anschlags in der Innenstadt unterwegs war. Im Allgemeinen aber gilt: Die Anschlagsfrequenz der islamistischen Attentäter überfordert auch den hartgesottensten Nachrichten-Junkie. Wenn man das Leid jedes Mal richtig an sich herankommen ließe, könnte man den Alltag kaum noch bewältigen. »Ich würde das nicht Abstumpfung nennen«, sagt der Psychiater Borwin Bandelow. »Das ist eine natürliche Abwehrreaktion. Keiner muss sich deshalb als gefühllos betrachten, wenn er bei sich bemerkt, dass er da zur Tagesordnung übergeht.«

Kurz innehalten, aber dann weiterleben, als wäre nichts gewesen – das entspricht der Devise, die von Politikern und Terrorexperten ausgegeben wird: »Keep calm and carry on« – ruhig bleiben und weitermachen. London ist darin besonders gut. Man nennt es dort »Blitz Spirit« – inspiriert von jener englischen Mischung aus Phlegma und Todesverachtung, die die Londoner während der deutschen Bombardierung im Zweiten Weltkrieg (»The Blitz«) an den Tag legten.

Aber was ist mit all jenen, die sich keineswegs sicher sind, ob sie ihr Verhalten nicht doch anpassen werden? Darf man das öffentlich nicht mehr sagen – aus Angst vor dem Vorwurf, man tue das, was die Terroristen erreichen wollten?

Jeder, der mit solchen Fragen hadert, kann sich sagen: Die allermeisten Menschen sind nicht so gestrickt, dass sie sofort wieder zur Tagesordnung übergehen. Sie versuchen durchaus, ihr Risiko zu minimieren. So brach der Tourismus in Tunesien nach dem Anschlag auf ein Strandhotel im Juni 2015 fast vollständig ein. In New Yorker Schuhläden waren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine ganze Zeit lang vor allem bequeme Treter gefragt: Es hatte sich herumgesprochen, dass man auf Pumps mit hohen Absätzen nicht so gut weglaufen kann.

Die Erfahrung lehrt aber auch: Mit der Zeit ebbt jeder Schock ab. »Menschen können sich auch an die schlimmsten Gefahrensituationen anpassen«, sagt der Psychiater Bandelow. Darauf deuten auch Erkenntnisse des Allensbach-Instituts hin. Die Mehrheit der Deutschen, etwa zwei Drittel, wolle ihr Verhalten nicht ändern, berichtete Allensbach-Chefin Renate Köcher letztes Jahr in einem »FAZ«-Beitrag: »Insbesondere die junge Generation ist entschlossen, ihren Lebensstil und ihre Freiheitsspielräume zu verteidigen.« (Foto: dpa)



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos