Gegen Verschwendung bin ich allergisch. Meldungen wie »Jeder Deutsche wirft pro Jahr 82 Kilo Lebensmittel weg, die zum Großteil noch genießbar gewesen wären« bringen mich auf die Palme. Wir haben alles – aber an dieser Stelle haben wir sie nicht mehr alle, wenn Sie mir diese etwas undifferenzierte Verallgemeinerung gestatten. Dahinter steht nichts weniger als Geringschätzung gegenüber dem, was wir im Überfluss haben und viel zu selbstverständlich nehmen.

Ehe ich mich an meinem Einstieg in Rage schreibe, mache ich lieber einen Schlenker zu einer Variation dieses Themas, die mich ebenfalls beschäftigt – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe wirklich nichts, aber auch gar nichts auszusetzen an politischen Entscheidungen, die einen Diskussionsprozess durchlaufen und Mehrheiten finden müssen und daher ihre Zeit brauchen. So funktioniert unsere Demokratie: Positionspräsentation und -abgleich, Argumentationsaustausch und Streitkultur, Bündnisauslotung und Konsenssuche. Um zu begreifen, abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen, braucht es Sorgfalt und im besten Falle das Ausschließen von nur zweit- oder drittbesten Lösungen. Das alles kann sich auch mal hinziehen, ist aber die große Errungenschaft freier Gesellschaften.

Allerdings sollte man diese Möglichkeiten politischer Willensbildung nicht unnötig oder gar mutwillig strapazieren – und die Geduld und das Verständnis der Öffentlichkeit auch nicht. Die Zeit des Bürgers zu verschwenden, hat auch etwas mit Geringschätzung zu tun. Warum die CSU für die gnädige Akzeptanz der CDU-Chefin als erneute Kanzlerkandidatin der Union unter Aufrichtung einer beeindruckenden Drohkulisse volle zwei Monate rumgeeiert hat, wird das Geheimnis von Horst Seehofer bleiben. Vielleicht ist es im innersten Kern so etwas wie Masochismus: Der Wunsch größtmöglicher, aber politisch kaschierter Selbstbeschädigung des Unionskonstrukts, in dem die CSU immer und immer der viel kleinere Partner ist. Die Hinhaltetaktik als Rache der kleinen Schwesterpartei? Als Kraftmeierei ohne Blick auf das große Ganze?

Zur Erinnerung: Das große Ganze findet im Herbst dieses Jahres statt und heißt Bundestagswahl. Die CSU hätte es in der Hand gehabt, bereits vor acht Wochen offensiv geschlossen mit der CDU Kurs auf die Wahlkampfschlacht davor zu nehmen – mit einem Signal der vereinten Kräfte und des klaren Ziels. Aber nein. Und so kam es, dass die Ankündigung der CSU, man habe »eine vorzügliche Kanzlerin« und wolle sie gerne noch eine weitere Runde im Amt sehen, mit drastischer Verspätung erfolgte – und zwar ohne, dass die in den vergangenen Wochen hoch- und runterdeklinierten Bedingungen erfüllt und inhaltliche Gräben zugeschüttet worden wären. Das Ganze dann an dem Tag, an dem eine Umfrage meldet, dass die SPD die Union erstmals in der Wählergunst überholt hat... Der Bürger darf sich düpiert fühlen, der Journalist auch – so viel Zeit, so viele Überschriften und Meldungen verschwendet für ...eigentlich gar nichts. Als hätten wir nichts anderes zu tun, zu lesen, zu diskutieren und zu berichten als Kikifax aus dem Unionssandkasten. Gut – wir wissen jetzt (wieder einmal), dass es mit CDU und CSU nicht ganz so rundläuft. Gähn. Bin kurz davor, einzuschlafen.

Aber nicht politwochs.

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