04. September 2017, 19:50 Uhr

Geisel der RAF

04. September 2017, 19:50 Uhr
Avatar_neutral
Von Tim Brückmann

Es ist kurz vor halb Sechs, als das RAF-Kommando Siegfried Hausner am 5. September 1977 das Feuer eröffnet. Hanns Martin Schleyer wird zu diesem Zeitpunkt bereits von drei Polizeibeamten bewacht. Er gilt als besonders gefährdet. In seiner Position als Präsident des deutschen Arbeitgeberverbandes polarisiert der Funktionär mit SS-Vergangenheit. Schleyer ist das ultimative Feindbild der linksextremistischen RAF; für die Terroristen steht der damals 62-Jährige repräsentativ für das »faschistisch-imperialistische System«.

Größte Krise der Republik

Trotz der Gegenwehr durch die Polizisten schaffen es die Terroristen, Schleyer aus seiner Limousine zu zerren und in den vorgefahrenen VW-Bus zu zwingen. Sein Fahrer und die Beamten im Wagen dahinter werden von der RAF im Gefecht erschossen.

Die Entführung Hanns Martin Schleyers hat in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte einen besonderen Stellenwert. Es ist die größte Krise, die die noch junge Republik bis dato zu meistern hat. Im Mittelpunkt steht die Forderung der Entführer: Elf inhaftierte RAF-Mitglieder sollen im Gegenzug für die Freilassung Schleyers aus dem Gefängnis entlassen werden. Die Regierung um Helmut Schmidt (SPD) steht vor einer schwierigen Entscheidung: Um das Leben eines Einzelnen zu retten, würde man hochgefährliche Terroristen – darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – auf freien Fuß setzen – und das fatale Signal senden, erpressbar zu sein. Was die Entführer genau wollen, darüber kann am Tag nach dem Überfall nur spekuliert werden, wie in unserem rechts abgedruckten Aufmacher des 6. September vor 40 Jahren. Doch die RAF-Taktik, mit Geiselnahmen Gesinnungsgenossen freizupressen, ist bereits bekannt. In den Stunden nach dem Anschlag in Köln versuchen Krisenstäbe auf Tuchfühlung zu gehen. Schmidt übernimmt die Leitung wichtiger Beratungen selbst. Es wird ein Lebenszeichen von Schleyer gefordert. Ihm sollen Fragen gestellt werden, deren Antworten nur er wissen kann – das Ganze wird den Terroristen via Rundfunk übermittelt. Die Entführer befinden sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Nähe Kölns, in einer extra für diesen Zweck angemieteten Wohnung in Erftstadt-Liblar. Es entsteht ein erstes Foto Schleyers: Der Entführte sitzt unter einem RAF-Plakat, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift: »Gefangener der RAF«.

In dem Versteck bei Köln vernehmen die Terroristen – unter anderem Brigitte Mohnhaupt und Peter-Jürgen Boock – den Arbeitgeberpräsidenten. »Herrschaftswissen« wollen sie in Erfahrung bringen – Schleyer gibt vage, aber ausführliche Auskünfte. Später wird in der Wohnung ein nur ein Quadratmeter großer Wandschrank gefunden, ausgekleidet mit Schaumgummimatten: Er wurde wohl als Zelle für den Entführten genutzt.

Der 43. Tag der Gefangenschaft ist Schleyers letzter. Mit drei Schüssen in den Hinterkopf wird er hingerichtet. Zuvor war die Entführung der Landshut gescheitert und in Stammheim erhängten sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen. Köln hatten Schleyer und die Terroristen zu diesem Zeitpunkt bereits lange verlassen.

In den kommenden Tagen und Wochen werden wir das Schicksal Schleyers weiterverfolgen und Schlaglichter auf die Zeit werfen, als der RAF-Terror Staat und Bevölkerung in Atem hielt. (tib)



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos