23. April 2017, 22:20 Uhr

Gedemütigt

23. April 2017, 22:20 Uhr
FER

Brutaler hätte die Schmach für Frauke Petry kaum ausfallen können: Die Chefin der AfD hat die Machtfrage gestellt – und die Delegierten auf dem Kölner Parteitag haben sie gnadenlos abblitzen lassen. Ihr Versuch, den Einfluss des stramm nationalen Flügels in der rechtspopulistischen Partei weit vor der Bundestagswahl zurückzudrängen, um sie für breitere Wählerschichten zu öffnen, ist so brutal gescheitert, dass sie konsequenterweise zurücktreten müsste. Denn die Vorsitzende, die aus taktischen Gründen schon Tage zuvor den Verzicht auf eine Spitzenkandidatur verkündet hat, ist blamiert, steht ohne Rückhalt da, ist faktisch entmachtet.

Die Politik bei der AfD bestimmen jetzt endgültig andere. Alexander Gauland etwa, der Grandseigneur, der vor »Umvolkung« durch Zuwanderung warnt. Und sein Schützling Björn Höcke. Der Thüringer vom ganz rechten Rand der AfD hat mit seinen so braunen wie dummen Entgleisungen, etwa, als er das Holocaustmahnmal in Berlin als Denkmal der Schande bezeichnetete, das Bild der AfD zuletzt geprägt. Für viele Bürger aus der konservativen Mitte, die etwa die Euro-Skepsis und die Ablehnung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung der AfD teilen, wurde die Partei endgültig unwählbar. Frauke Petry wollte das ändern. Sie suchte die klare Abgrenzung speziell zu Höcke und Gauland.

Fundamentalopposition

Die AfD hätte in Köln die Chance gehabt, sich klar und deutlich von rassistischem, antisemitischem, völkischen und nationalistischem Gedankengut abzugrenzen, wie es das Petry-Lager forderte. Sie hätte außerdem zeigen können, dass es ihr wirklich um konstruktive Politik geht, dass sie bereit ist, auch Verantwortung zu übernehmen. Doch die große Mehrheit setzt weiter auf das, was Petry Fundamentalopposition nennt, ein vornehmes Wort für Krawall. Große Teile der AfD wollen die verhassten etablierten Parteien weiter nach Herzenslust geißeln und verdammen, sich mitnichten als deren Koalitionspartner irgendwelchen Kompromissen unterwerfen. Und auch Hetze hat in der AfD nach Köln weiter ihren Platz. Beim Parteiausschlussverfahren, das sie gegen Höcke angestrengt hat, dürfte Frauke Petry ihre nächste Niederlage kassieren.

Durchsichtiger Versuch

Falsch wäre es indes, die abgestrafte Parteivorsitzende als eine Art Märtyrerin im innerparteilichen Kampf gegen ganz Rechts zu bemitleiden. Frauke Petry hat selbst immer wieder ungeniert die völkische Karte gespielt und als Anführerin der nationalkonservativen Strömung den Parteigründer Bernd Bernd Lucke verdrängt. Ihren Vorstoß, der AfD den Anstrich einer Art bundesweit wählbaren CSU zu verpassen, hat sie mehr aus Eigennutz denn aus Überzeugung unternommen. Massenhaft Stimmen enttäuschter Unionswähler einsammeln, eine starke Fraktion im Bundestag bilden und dann möglichst bald Teil einer Regierung werden – so stellte sich die ehrgeizige Sächsin das vor. Gleichzeitig wollte sie mit der vermeintlichen Richtungsentscheidung missliebige innerparteiliche Konkurrenten loswerden.

Machthunger und Stolz

Doch der Versuch war zu durchsichtig, nach dem Geschmack der Mehrheit in der AfD ging es der Vorsitzenden viel zu sehr um die Sicherung der eigenen Machtbasis. So geriet der Kölner Parteitag zum Desaster für Petry und zum Triumph des ganz rechten Lagers um Strippenzieher Gauland, in das nun auch der ehemalige Petry-Vertraute Jörg Meuthen übergelaufen ist. Die AfD muss nun den Wahlkampf weitgehend ohne ihre bisherige Galionsfigur bestreiten.

Offenkundig wird die Partei darauf setzen, die Wut auf die Regierung und die diffusen Ängste vieler Bürger vor »Überfremdung« zu schüren, um in den Bundestag einzuziehen. Das dürfte auch gelingen, es fragt sich aber, mit welchem Ergebnis. Fährt die AfD gut mit ihren Gegnern am Steuer, ist Frauke Petry abgemeldet. Gerät die Partei dagegen ins Schlingern, könnte der erst 41-Jährigen nach der Wahl im September ein Comeback gelingen.

In der Hoffnung, am Ende doch recht zu behalten, klammert sich die gedemütigte Noch-Parteichefin jetzt fast trotzig an ihr Amt. Weniger dünnhäutig als ihr Vorgänger Lucke, ist Frauke Petrys Machthunger größer als ihr Stolz.

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