20. Oktober 2017, 21:21 Uhr

Flammende Appelle

Zwei ehemalige US-Präsidenten brechen am selben Tag ihr Schweigen. George W. Bush und Barack Obama erinnern bei getrennten Auftritten an das, was Amerika einmal war.
20. Oktober 2017, 21:21 Uhr
Die ehemaligen US-Präsidenten, Barack Obama (l.) und George W. Bush halten an einem Tag bei zwei unterschiedlichen Auftritten jeweils einen eindringlichen Appell an aktive Politiker, sich deutlicher für die Demokratie starkzumachen. (Foto: dpa)

Beide gebrauchen den Begriff »grausam«, um das Klima des politischen Diskurses unter Präsident Donald Trump zu geißeln. Beide fühlen sich genötigt, vor einem völkischen Nationalismus zu warnen. Und beide appellieren an ihre Landsleute, die liberale Ordnung zu verteidigen, die Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen hat.

Der 43. und 44. Präsident der Vereinigten Staaten brachen dafür am selben Tag das Schweigen, das sich aus dem Amt geschiedene Führer der Supermacht traditionell auferlegen. Das für sich genommen signalisiert, um wie viel schwerer die gemeinsam empfundene Verantwortung für Amerika auf Bush und Obama lastet, als sie die inhaltlichen Differenzen der Vergangenheit trennen.

Weil Bush acht Jahre schwieg, bevor er sich mit einer fulminanten Rede in New York ins Rampenlicht zurückmeldete, erzielte sein Auftritt besonders große Aufmerksamkeit. Er erinnerte seine Landsleute daran, es seien nicht »Geografie, ethnische Zugehörigkeit, Blut oder Boden«, die die Identität der Amerikaner bestimmen, sondern das gemeinsame Bekenntnis zu Werten. »Blinder Eifer und weißer Nationalismus in jeder Form sind eine Schmähung all dessen, was Amerika glaubt.«

Dass dieser Satz die Zuhörer von den Sitzen riss, illustriert, wie sich das Klima in den USA verwandelt hat, seit der Nationalchauvinist Donald Trump im Januar dieses Jahres ins Weiße Haus zog. Obwohl Bush ihn nicht einmal namentlich erwähnte, gab es keinen Zweifel, dass sich die Schelte gegen den Amtsinhaber richtete.

»Mobbing und Vorurteile im öffentlichen Leben setzen national den Ton und erlauben Grausamkeit und Bigotterie«, mahnt Bush in der 16 Minuten langen »The Spirit of Liberty«-Rede. Darin prangert er Isolationismus, Protektionismus und Nativismus an und fordert zur Verteidigung der demokratischen Gesellschaften auf. Die amerikanische Politik sei »anfälliger denn je für Verschwörungstheorien und regelrechte Lügenmärchen« geworden, mahnt der Ex-Präsident.

Auch Obama mahnte bei seinem Auftritt bei zwei Wahlkampf-kundgebungen demokratischer Kandidaten für die Gouverneursämter in New Jersey und Virginia die Rückkehr zu amerikanischen Werten an.

Der Hoffnungspräsident rechnete mit einer »Politik der Angst« ab, die Amerika zurück ins 19. Jahrhundert führe. »Statt einer Politik, die unsere Werte reflektiert, haben wir eine Politik bekommen, die unsere Gemeinden infiziert.«

Wie Bush sprach Obama den Aufzug von Rechtsextremisten in Charlottesville an und kritisierte wie dieser die Indifferenz Trumps zu den Fackelmärschen der weißen Rassisten. Menschen gegeneinander aufzubringen, Einwanderer und Flüchtlinge zu Sündenböcken zu machen und sich aus der Welt zurückzuziehen sei nicht, was Amerika stark gemacht habe.

Die mehr als 7500 enthusiastischen Anhänger, die zu seiner Rede in der Hauptstadt Virginias, Richmond, gekommen waren, fragte Obama, ob sich der Geist einer Politik wiederbeleben lasse, die Menschen zusammenbringt. »Yes we can«, hallt aus Tausenden Kehlen der Slogan aus Obamas erstem Wahlkampf 2008 zurück.

Der renommierte Historiker Robert Dallek wertete die Rückmeldung der beiden Präsidenten am selben Tag ins öffentliche Leben als symbolisch. Die einstigen Opponenten, die Trump alternativ als »schlechteste Präsidenten in der Geschichte« bezeichnet hatte, einte das Gefühl, dem Treiben des Amtsinhabers nicht länger mit Schweigen zusehen zu können. »Der Mann ist einfach zu weit gegangen.«

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