04. September 2017, 19:50 Uhr

»Eh der Allerbeste«

04. September 2017, 19:50 Uhr
Ein Heimspiel: Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Zelt der CSU beim politischen Gillamoos in Niederbayern. (Foto: dpa)

Martin Schulz ist nicht zu beneiden. Seit Monaten kämpft der SPD-Mann aus Würselen für sein Ziel: Kanzler werden und die Amtszeit von CDU-Chefin Angela Merkel nach zwölf Jahren beenden. Doch trotz aller Anstrengungen kann er bislang aus seinen vielen Terminen keinen Profit schlagen. Was am Sonntagabend dank des TV-Duells der Spitzenkandidaten in Millionen deutschen Wohnzimmern sichtbar wird, zeigt sich tags drauf auch auf dem Gillamoos-Volksfest in Niederbayern. Denn nur wenige Meter vom SPD-Zelt entfernt stiehlt Schulz ausgerechnet ein einst gefallener CSU-Star ein wenig die Show, dem trotz des politischen Scheiterns derzeit die Herzen in Bayern zufliegen wie kaum einem anderen: der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

»A bissl gemein ist’s scho«, sagt ein Zuhörer im bis auf den letzten Platz gefüllten CSU-Zelt augenzwinkernd. Doch letztlich habe es »KT« ja auch verdient, denn er sei ja »eh der Allerbeste«. Keine Frage, die Menschen im Freistaat scheinen dem 2011 zurückgetretenen Minister die Plagiatsaffäre um die teilweise abgeschriebene Doktorarbeit verziehen zu haben, wollen davon auch nichts mehr hören. Stattdessen werden Rufe nach der Rückkehr des einstigen CSU-Überfliegers immer lauter. Guttenberg selbst genießt die Situation. In seinen Reden vermeidet er konkrete Aussagen zu Karriereplänen. Er spricht aber voller Pathos von seiner Heimat, ihrem Duft, der Qualität des Bieres und dem Blick aus der Ferne: »Und immer wieder bin ich gerne zurück in diesem Land, in meiner Heimat.« Dafür erntet er minutenlangen Applaus und einen Jubel, der ihm selbst schon unheimlich ist: »Der Empfang ist für mich überwältigend, ich glaube auch nicht, dass ich ihn verdient habe, aber schön ist es trotzdem.«

Mit seiner außenpolitischen Rede trifft Guttenberg aber nicht den Ton der Zuschauer. Seine Sätze sind zu lang, zu kompliziert, seine Themen mit Krisen rund um den Erdball zu bedrückend. Die Menschen im Zelt lauschen ihm trotzdem über 80 Minuten lang. Und als »KT« anschließend das Zelt wieder verlässt, ist ihr Moment gekommen: An den Gängen drängen sich Groß und Klein zum Jubelspalier und machen mit ihren Telefonen lang herbeigesehnte Fotos.

Und Schulz? Kämpft. Die bayerische SPD bereitet ihm einen Empfang mit Fahnen und Luftballons. Aber ziemlich genau ein halbes Jahr nach dem politischen Aschermittwoch scheint die Luft bei den bayerischen Genossen auch ein wenig raus zu sein. Damals, am 1. März, surfte Schulz nach seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten auf einer Euphoriewelle, die sogar im CSU-Stammland einen echten SPD-Hype auslöste. Erstmals konnte die SPD die CSU beim Aschermittwoch bei den Zuschauerzahlen übertreffen, bis heute zehren die Genossen von diesem Erfolg. Und in Umfragen lag die SPD fast gleichauf mit der Union.

Am 24. September kann sich Schulz davon aber nichts kaufen. Zuletzt blieb die SPD weiter um die 15 Prozentpunkte hinter der Union zurück. Die SPD-Anhänger vorne im Zelt jubeln ihm zu. Aber ob das reicht? Im Gegensatz zum großen TV-Duell sind auf dem Gillamoos aber auch einige der kleineren Parteien mit dabei – haben auf dem Volksfest aber eher eine untergeordnete Bedeutung. Als am Mittag die Spitzenpolitiker und auch Guttenberg das Festgelände wieder verlassen haben, ist zwischen den Achterbahnen und Riesenrädern vom Wahlkampf nichts mehr zu spüren – wie dieser Tage in weiten Teilen des Landes.

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