07. September 2017, 22:15 Uhr

Draghis Nullnummer

07. September 2017, 22:15 Uhr
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Wer auf ein Ende der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank oder wenigstens auf deren vorsichtige Korrektur gehofft hatte, wurde gestern wiederum enttäuscht. Sparer warten weiter auf faire Zinsen, Lebensversicherte auf attraktive Policen. Die EZB fährt unbeirrt den Kurs einer üppigen Geldversorgung. Alle Warnungen vor einer Finanzkrise mit Blasenbildung an den Immobilien- und Aktienmärkten schlägt ihr Präsident Mario Draghi in den Wind.

Die Frankfurter Währungshüter sandten gestern keinerlei Signale für eine Wende zur Normalisierung. Aus Draghis Hinweis, über das milliardenschwere Anleihekaufprogramm erst im Herbst zu entscheiden, entnehmen die Finanzmärkte, dass bestenfalls im Oktober mit einer sanften Korrektur der Geldschwemme zu rechnen ist.

Die befördert die EZB nicht nur durch Nullzinsen, sondern auch durch Ankäufe von Staatsanleihen, vor allem italienischen Papieren. Dadurch fließen Billionen Euro in die Wirtschaft der Euro-Länder. Die EZB betreibt also Geldschöpfung, ähnlich wie wenn sie Geld drucken würde. Damit will sie Unternehmen anlocken, neue Investitionen anzukurbeln; vor allem die südlichen Volkswirtschaften sollen wieder wachsen. Und genau das tun sie bereits.

Doch obwohl praktisch alle Euro-Länder wieder wirtschaftliches Tempo aufgenommen haben, bleibt die EZB starr bei ihrem Kurs der extrem lockeren Geldversorgung. Eine im letzten Jahr erfreuliche Nebenwirkung war die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, was die Exporte der Euro-Länder zusätzlich beflügelte. Aber seit Monaten wertet der Euro auf. Das verteuert umgekehrt die Euro-Produkte auf jenen Auslandsmärkten, die in Dollar, Yen oder anderen Währungen abrechnen. Draghis Problem: Ein abruptes Ende der Nullzinspolitik würde den Euro noch attraktiver machen und die Exporte weiter behindern.

Doch je länger die Nullzinsperiode andauert, desto riskantere Folgen zeitigt sie. Weil Kredite spottbillig zu haben sind, stürzen sich die Menschen auf Immobilien und treiben dort die Preise in die Höhe, indirekt auch die Mieten. Da es aufs Sparbuch praktisch keine Zinsen mehr gibt, bieten sich Aktien als Vermögensanlage an. Entsprechend schießen deren Kurse in die Höhe.

Nicht nur Banker, wie jüngst der Vorstandschef der Deutschen Bank John Cryan, warnen vor einer Blasenbildung an den überhitzten Immobilien- und Aktienmärkten. Auch der berechtigte Wunsch der Banken und Sparkassen, wieder zu einem normalen Zinsniveau zurückzukehren, stößt bei Draghi bislang auf taube Ohren. Vielleicht werden diese Wünsche ja im Oktober erhört.

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