02. Juli 2017, 22:16 Uhr

Die Welt sagt Adieu

Weltpolitiker, großer Europäer, Kanzler der Einheit. Auch wenn es Schattenseiten gab – beim Trauerakt für Altkanzler Kohl in Straßburg sagen Redner von Juncker bis Merkel vor allem eins: Danke. Sein Ringen um eine friedlichere Welt verstehen sie als Auftrag.
02. Juli 2017, 22:16 Uhr
Bilder eines Tages: Der frühere US-Präsident Bill Clinton (M.), die Witwe Maike Kohl-Richter (mit Sonnenbrille) und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker (r.) nehmen Abschied von Helmut Kohl. Auch zahlreiche Bürger begleiteten Kohl auf seinem letzten Weg. (Fotos: dpa)

Er hat noch eine letzte Bitte an Helmut Kohl. Als Freund, nicht als EU-Kommissionspräsident, spreche er, sagt Jean-Claude Juncker und richtet seinen Blick auf den Sarg des Altkanzlers. »Lieber Helmut, Du bist jetzt im Himmel. Versprich mir, dass Du dort nicht sofort einen CDU-Ortsverband gründest. Du hast genug getan, für deine Partei, dein Land, für unser gemeinsames Europa.«

Frühere und heutige Staats- und Regierungschefs, Freunde und politische Gegner sind am Samstag in das Europäische Parlament nach Straßburg gekommen. Es ist ein würdevoller Abschied vom deutschen Staatsmann, überzeugten Europäer und Weltpolitiker aus der Pfalz, der am 16. Juni im Alter von 87 Jahren starb.

Kohls Söhne bleiben fern

Sein Vermächtnis: Das Streben nach einer friedlicheren Welt. Die Trauergäste und die rund zweieinhalb Millionen Zuschauer an den Fernsehern können das als Auftrag verstehen.

Zugleich wird an diesem Tag noch einmal bitter deutlich, wie wenig friedlich es in Kohls privatem Leben mit seinen Söhnen zuging. Über seinen Tod hinaus bleibt eine zerrüttete Beziehung. Peter und Walter Kohl und ihre Familien werden an diesem öffentlichen Trauertag am Samstag in Straßburg und später bei der Totenmesse im Dom zu Speyer nicht gesehen. Der politische Brückenbauer Kohl konnte keine Brücke zu seinen Söhnen bauen. Kohls zweite Ehefrau, Maike Kohl-Richter, verwehrte ihnen zuletzt den Einlass ins Elternhaus in Ludwigshafen.

Es ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die an Kohls erste Ehefrau Hannelore erinnert, die sich vor fast genau 16 Jahren das Leben nahm. Und sie sagt, ihr Mitgefühl gelte Maike Kohl-Richter und »allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauen«. Wie die Söhne. Die Witwe verdeckt ihr Gesicht mit einer großen schwarzen Sonnenbrille und einem Trauerschleier. Sie sitzt aufrecht. Nicht immer kann sie Tränen zurückhalten. Merkel geht darauf ein, wie Maike Kohl-Richter den mehr als 30 Jahre älteren Kohl »voller Hingebung und Liebe« bis zum Tod gepflegt hat. Nach ihrer Rede geht sie auf Maike Kohl-Richter zu. Sie halten sich einen langen Moment an den Händen.

Erstmals in der Geschichte der Europäischen Union, die Kohl so wesentlich geprägt hat, wird für einen Politiker ein Europäischer Trauerakt ausgerichtet. In Straßburg, »am Sitz des Parlaments, dessen Freund er immer war«, sagt Juncker. Unweit des Rheins, nicht weit von Kohls Heimatstadt Ludwigshafen entfernt.

Sie haben ein schönes Porträt von Kohl aufgestellt. Es zeigt ihn im hohen Alter mit verschmitztem Lächeln. Junckers Humor mit dem CDU-Ortsverband im Himmel hätte Kohl gefallen. Seine CDU, die er als Vorsitzender 25 Jahre gestaltet und damit eine ganze Generation geprägt hat. Seine CDU, mit der er brach, als Merkel 1999 als Generalsekretärin in der Spendenaffäre die Partei zur Emanzipation von ihrem Übervater Kohl aufforderte. Er gab den Ehrenvorsitz zurück. Die Namen der Spender nimmt er mit ins Grab.

Viele Bewunderer, Wegbegleiter, sowie Staats- und Regierungschefs stehen nun an seinem Sarg, der in eine Europa-Flagge gehüllt ist, und beschreiben Kohl als Mann mit Werten: Verlässlichkeit, Vertrauen, Idealismus, Überzeugungskraft, Mut. Als Vermittler zwischen Ost und West und zwischen Menschen. Juncker schwärmt vom »deutschen und europäischen Patrioten«, dem »Nachkriegsgiganten«. Alle Redner sind wie Kohl Praktiker der Macht, aktive oder ehemalige Politiker. Alte Hasen wie Bill Clinton und politische Wunderkinder wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sie bescheinigen Kohl großen Mut und Idealismus, Pragmatismus, politisches Feingefühl und Überzeugungskraft.

Kaum weniger bewegt als Juncker zeigt sich der Gast von der anderen Seite des Atlantiks. Der ehemalige US-Präsident Clinton macht »Helmut« eine Liebeserklärung: »Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand dominiert. ... Du hast das gut gemacht in deinem Leben. Und wir, die wir dabei sein durften, lieben dich dafür.«

Clinton, der frei spricht, berichtet im Plauderton was ihn so fasziniert hat an Kohl. »Er gab uns die Chance, an etwas beteiligt zu sein, das größer ist als wir selbst. Größer als unsere Amtszeiten, größer als unsere flüchtigen Karrieren. Denn wir alle werden früher oder später in einem Sarg wie diesem liegen.« Dann geht er auf seinen Platz neben Merkel zurück und legt tief ergriffen seine Hand in ihre Hände. Merkel drückt sie und lächelt ihm zu.

Die Feier spiegelt eine Epoche europäischer Geschichte und ist dabei auch Bühne der Gegenwart. Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew ist angereist und spricht, wie das Europaparlament hervorhebt, »auf Wunsch der Witwe Helmut Kohls« und als Privatperson – wie auch Clinton und Spaniens Ex-Premierminister Felipe González. Nur, dass Medwedew eben noch im Amt ist. Allzu herzlich sind die Beziehungen zu Russland derzeit nicht: Seit Jahren straft die EU Moskau für dessen Rolle im Ukraine-Konflikt mit schmerzhaften Wirtschaftssanktionen, Russland revanchiert sich mit Lebensmittel-Importverboten. Um Kohls Sarg kommen sie alle zusammen, zur Not als »Privatperson«. Medwedew unterstreicht, für Kohl sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagt: »Helmut Kohl reichte uns die Hand.« Er erinnert wie viele Redner an die Versöhnungsgeste Kohls und des französischen Präsidenten François Mitterrand 1984, als sie in Verdun Hand in Hand vor den Weltkriegsgräbern standen. Die einstigen Kriegsfeinde Deutschland und Frankreich, die zur deutsch-französischen Achse wurden, die Europa stützt. Pragmatismus, vereint mit Idealen und Freundschaften, das habe Kohl ausgezeichnet. Und so wolle er es auch in der Zusammenarbeit mit Merkel halten. Kohl, das Vorbild.

Merkel würdigt Kohl vor allem aber als großen Brückenbauer zwischen Frankreich und Polen, den USA und Russland – und zwischen Menschen. Der, der das politische Gespür hatte, die Zeichen der Zeit erkannte und anders als andere nach dem Fall der Mauer die Chance zur historischen Wiedervereinigung Deutschlands nutzte. Zum Schluss sagt die in der DDR aufge Und: »Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Angedenken in Dankbarkeit und Demut.«

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