01. September 2017, 22:18 Uhr

Deutung bedeutend

01. September 2017, 22:18 Uhr
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Ein Kopf-an-Kopf-Duell kann spannend und sogar wahlentscheidend enden. Aber am Sonntag findet eine Debatte zweier Politiker mit höchst unterschiedlichen Sympathiewerten statt. Angela Merkel (CDU) geht mit einem beachtlichen Popularitätsvorsprung ins Rennen, ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz dagegen mit dem Handicap niedriger Umfragewerte. Auch wenn eine Mehrheit glaubt, Merkel werde das Duell überlegen gewinnen, so bietet es Schulz doch die einmalige Chance, die mageren SPD-Werte noch etwas aufzubessern. Ob sich Wähler durch derartige Debatten motivieren, überzeugen oder gar umstimmen lassen, ist umstritten.

Schlachtfeld der PR-Profis

Mehrere Kanzler haben derartige Fernsehduelle abgelehnt. Dazu gehörten Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt und auch Helmut Kohl. Kommunikationswissenschaftler glauben, dass die jeweiligen Herausforderer stärker punkten als die Amtsinhaber. Merkel scheut dieses Risiko nicht. Im Duell 2013 machte Peer Steinbrück (SPD) zwar einige Sympathiepunkte gut, verlor aber die Wahl.

Derartige Streitgespräche können das Informationsniveau der Zuschauer durchaus erhöhen, aber auch vorgeformte Meinungen erhärten oder einfach nur langweilen. Ob Äußerlichkeiten – wie Krawattenfarbe, Mienenspiel oder der Halsschmuck Merkels – Wählersympathien verändern, versuchen Experten danach zu ergründen. Prägend war die US-Diskussion 1960 zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy, die der griesgrämige Nixon angeblich durch seine schlechte Rasur gegen den blendend aussehenden Kennedy verlor.

Rund 40 Prozent der Wahlbürger erklären in Umfragen, sie seien noch unentschieden. Ob das stimmt, weiß niemand, denn die verborgenen und teilweise unbewussten Sympathien oder Abneigungen können demoskopisch kaum gemessen werden. Aber auf diese angeblich Unentschlossenen zielt der Schwerpunkt der Wahlwerbung, vor allem via Bildschirm, und auch solcher Duelle.

Fast die Hälfte der Wahlberechtigten will sich das Duell am Sonntag anschauen. Jeder Fünfte behauptet, der Dialog könne seine Entscheidung noch beeinflussen. Diese einmalige Bühne können sich die PR-Profis der Parteien natürlich nicht entgehen lassen. Die demonstrativ aufgesetzte Siegesgewissheit der SPD gehört zum Programm. Fast noch wichtiger als die Sendung selbst ist der folgende Kampf um die Deutungshoheit, wer gesiegt und wer verloren hat. Ein Heer von Wissenschaftlern und Spindoktoren versucht hernach, die Debatte auszudeuten und den Sieger zu ermitteln. PR-Profis aus allen politischen Lagern hüllen ihre Auftraggeber in möglichst siegreiches Licht, reden deren Fehler klein und blasen die Missgriffe des politischen Gegners auf. So schält sich die öffentliche Wahrnehmung über den Ausgang erst später, zuweilen nach Tagen heraus. Wie die künftige Bundesregierung aussieht, wird allerdings frühestens am 24. September feststehen.



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