12. September 2017, 20:12 Uhr

Der Alterswilde

12. September 2017, 20:12 Uhr
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Von wegen milde, friedlich und altersweise. Die Lust an der Auseinandersetzung, die Freude an der Provokation und das Vergnügen, Freund und Feind gleichermaßen mit seinen Volten zu verblüffen, hatte Heiner Geißler bis zuletzt nicht verloren, auch wenn er längst aus der aktiven Politik ausgeschieden war und die großen Auseinandersetzungen nur noch als Zaungast verfolgte. Doch auch als Polit-Rentner mischte sich der streitbare frühere CDU-Generalsekretär immer wieder ein und überraschte mit unorthodoxen Vorschlägen.

Am Dienstag starb er im Alter von 87 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Heimatort Gleisweiler im pfälzischen Landkreis Südliche Weinstraße – nur wenige Wochen nach dem Tod von Helmut Kohl, mit dem Geißlers Leben und Wirken schicksalshaft auf das Engste verbunden war – im Positiven wie im Negativen. Ohne seinen Entdecker und Förderer Kohl hätte er wohl nie Karriere gemacht – doch nach dem Bruch 1989 kam es zum totalen Zerwürfnis zwischen den beiden.

Scharfzüngiger Querdenker

Streitbar, mutig und dennoch immer mit einem gewissen Schalk im Nacken – so kannte man ihn. Und so sah er sich auch selber, auch wenn er kurz vor seinem Tod selbstkritisch einräumte: »Ich hätte noch mehr Krach schlagen müssen.« Dabei hat es in seinem langen politischen Wirken an Krach nicht gefehlt. Der am 3. März 1930 in Oberndorf am Neckar geborene Jurist, der das Jesuitenkolleg St. Blasien im Schwarzwald besuchte und vier Jahre als Novize dem Jesuitenorden angehörte, galt Zeit seines Lebens als unbequem und aufmüpfig, als scharfzüngiger Querdenker, Vordenker und Provokateur. Früh schon schloss er sich der CDU an und gründete zusammen mit Erwin Teufel und anderen 1956 den Kreisverband Rottweil der Jungen Union, 1965 zog er erstmals als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Reutlingen in den Deutschen Bundestag ein.

Geißler gehörte zu den »jungen Wilden« in der CDU, die sich in der Spätphase der Adenauer-Ära aufmachten, den reichlich verkrusteten und bieder wirkenden Kanzlerwahlverein zu modernisieren. Als Sozialminister von Rheinland-Pfalz von 1967 bis 1977 unter den CDU-Ministerpräsidenten Peter Altmeier, Helmut Kohl und Bernhard Vogel brachte er das erste Kindergartengesetz und das erste Sportfördergesetz in der Geschichte Deutschlands auf den Weg. Zudem war er Gründer und Initiator der ersten Sozialstationen. Sein Mentor Helmut Kohl ernannte ihn nach der Wende 1982 zum Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit.

Von 1977 bis 1989, war der begeisterte Bergsteiger und Drachenflieger CDU-Generalsekretär, niemand amtierte länger als er. Unter seiner Ägide entstand das Grundsatzprogramm der CDU, mit dem er die Partei gesellschaftspolitisch modernisierte. Da Heiner Geißler zu den CDU-Politikern um Lothar Späth und Rita Süssmuth gehörte, die Helmut Kohl 1989 auf dem Bremer Parteitag als Parteichef stürzen wollten, verlor er sein Amt als Generalsekretär. Von da an galt Geißler in der CDU als »Ausgestoßener«, Kohl verzieh ihm seine Beteiligung an dem geplanten »Putsch« nie, Geißler selber wurde zu einem der schärfsten Kritiker Kohls und nannte die CDU 1995 eine »führerkultische Partei«.

Auch als Rentner blieb er beschäftigt. Regelmäßig vermittelte er als Schlichter in festgefahrenen Tarifkonflikten, 2007 schloss er sich gar den Globalisierungsgegnern von attac an und kritisierte die kapitalistische Wirtschaftsordnung als »falsch und inhuman«.

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