09. November 2017, 22:30 Uhr

Bedürfnisse bleiben unerfüllt

Von wegen alt, dement und bettlägrig: In Deutschland gibt es auch viele junge Pflegebedürftige. Die Barmer beklagt unzureichende Angebote für diese Gruppe.
09. November 2017, 22:30 Uhr
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In Deutschland gibt es Millionen pflegebedürftige Menschen. Längst nicht alle haben ein hohes Alter. Hundertausende sind dem neuen »Pflegereport« der Barmer zufolge jünger als 60 Jahre. (Foto: dpa)

Von den insgesamt 2,86 Millionen Pflegebedürftigen mit den Pflegestufen eins bis drei sind 386 000 jünger als 60 Jahre und weder bettlägrig noch dement. Das sind 13,5 Prozent aller Betroffenen. 35 Prozent leiden an Lähmungen, 32 Prozent haben Intelligenzminderungen, 24 Prozent sind an Epilepsie erkrankt und zehn Prozent weisen das Downsyndrom auf. Die meisten von ihnen können trotz ihrer Erkrankung am Leben teilhaben. Doch die bestehenden Pflegeeinrichtungen sind auf die Bedürfnisse und Anforderungen der jüngeren Pflegebedürftigen nicht eingerichtet, gleichzeitig fehlen in Deutschland etwa 4000 teilstationäre und rund 3400 Kurzzeitpflegeplätze. Das geht aus dem »Pflegereport« der Barmer hervor, der gestern vorgestellt worden ist.

»Für junge Pflegebedürftige geht das Angebot an geeigneten Pflegeplätzen an deren Bedürfnissen vorbei, Wunsch und Wirklichkeit klaffen häufig auseinander«, sagte Christoph Straub, der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse, bei der Vorstellung des Reports. Vor allem der Wunsch nach einem selbstbestimmten Wohnen bleibe oft unerfüllt. So habe eine Umfrage unter Betroffenen ergeben, dass 35 Prozent der bis zu 35-Jährigen gerne in eine Wohngruppe mit einem entsprechenden Betreuungsangebot ziehen würden. Doch für die Hälfte gab es keine entsprechenden Einrichtungen. »Die unerfüllten Wünsche nach einem selbstbestimmten Wohnen vieler junger Pflegebedürftiger müssen für Politik, Bauwirtschaft und Interessenverbände ein Ansporn sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen«, sagte Barmer-Chef Straub. »Denn ein 30-Jähriger mit einem Downsyndrom will und kann ganz anders am Leben teilhaben als ein 80-Jähriger, der bettlägrig und dement ist.« Gefragt seien auch die Städte und Gemeinden. Sie müssten die Wünsche von jüngeren Pflegebedürftigen stärker als bisher in der kommunalen Bedarfsplanung berücksichtigen.

Nach Angaben von Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen, dem Autor des Pflegereports, gibt es vor allem im Bereich der Kurzzeitpflege »massive Versorgungslücken«. So nutzen derzeit neun Prozent der Pflegebedürftigen unter 60 Jahren mindestens einmal im Jahr die Kurzzeitpflege. Tatsächlich aber würden gerne 19 Prozent auf dieses Angebot zurückgreifen. Kaum besser sieht es bei der Tagespflege aus, die 13 Prozent der Betroffenen in Anspruch nehmen, während 20 Prozent den Wunsch danach hegten.

Ein knappes Jahr nach Einführung des neuen Pflegesystems mit seinen fünf Pflegstufen zog Straub ein positives Fazit. Die Kasse habe »Respekt« vor der Umstellung gehabt, sei diese doch eine »schwierige logistische Aufgabe« für alle Beteiligten gewesen, doch es habe gut funktioniert. »Wir sind auf Kurs.«

Wie aus dem Report hervorgeht, gab es 2015 in Deutschland 13 600 Pflegeheime mit insgesamt 928 900 Plätzen. Davon entfielen 877 100 auf die vollstationäre Pflege, 51 400 auf die Tagespflege und 400 Plätze auf die Nachtpflege. Der Eigenanteil, den die Heimbewohner aufbringen müssen, liegt im Durchschnitt bei monatlich 1691 Euro. Allerdings ist die Streuung beachtlich: Für ein Viertel der Einrichtungen liegt der Eigenanteil bei 1268 Euro, bei einem weiteren Viertel dagegen bei über 2053 Euro und bei einem Prozent sogar bei über 3000 Euro pro Monat. In der ambulanten Pflege hat sich die Zahl der Vollzeitstellen, wenn Vollzeit und Teilzeit zusammengerechnet werden, zwischen 1999 und 2015 von 125 400 auf 238 000 erhöht, das ist ein Anstieg um 84 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Pflegebedürftigen, die sie versorgen, um 67 Prozent auf 682 300 gestiegen.



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