11. November 2016, 12:00 Uhr

Banger Blick über den Atlantik

John C. Kornblum hat schon bessere Tage im deutsch-amerikanischen Verhältnis erlebt. Der Amerikaner mit deutschen Vorfahren, der unter Bill Clinton Botschafter der USA in Deutschland war und seitdem als Amerika-Erklärer fungiert, sieht nach der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten schwere Zeiten auf die Bundesrepublik zukommen. »Der amerikanische Schirm über Europa ist für immer weggezogen«, analysiert er. Europa müsse nun einen »verstärkten Willen zur Verantwortung finden«.
11. November 2016, 12:00 Uhr
DPA

Eine Einschätzung, der weder im Kanzleramt noch im Außenministerium widersprochen wird. Die Zeiten, schon jetzt äußerst angespannt, ungemütlich und bedrohlich, könnten für die Bundesregierung unter einem Präsidenten Trump noch ungemütlicher werden. Denn sollte der neue Herr im Weißen Haus tatsächlich wahr machen, was er im Wahlkampf unter dem Jubel seiner Anhänger versprochen hat, dann droht ein großräumiger Rückzug der USA aus ihrer internationalen Verantwortung und seinen eingegangenen Verpflichtungen – mit bislang nicht absehbaren Folgen für die Krisenherde dieser Welt von der Ostukraine über Syrien bis zum Iran.
Seine Forderung an die NATO-Partner, deutlich mehr als bisher für ihre Sicherheit zu sorgen und sich nicht länger auf den Schutz durch die USA zu verlassen, zielt vor allem auf Berlin, das weit von dem Versprechen entfernt ist, zwei Prozent des BIP für das Militär auszugeben. Schon unter Obama gab es immer wieder Kritik, dass Deutschland zu wenig in seine Armee investiere und sich zu zögerlich engagiere. Nun wird Washington den Druck erhöhen: Mehr Soldaten, neue Waffen, mehr Einsätze.

Alte Töne kehren zurück

Wohin sich die amerikanische Außenpolitik unter einem Präsidenten Trump tatsächlich entwickelt, ist allerdings völlig offen. In Berlin gilt der Republikaner als eine »Blackbox«, die Bundesregierung hat bislang keine direkten Kontakte ins Trump-Lager. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der mit seinem US-Kollegen John F. Kerry eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet hat, wird nicht müde zu beklagen, dass man im Gegensatz zu früheren Wahlen weder Trumps Berater noch seine Konzepte kenne. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass, wie einst unter George W. Bush, die Falken wieder im State Department und im Verteidigungsministerium die Macht übernehmen und auf eine härtere Gangart drängen.
Die alten Töne werden auch beim Klimaschutz zurückkehren, was in Berlin niemanden überrascht. Dagegen zeichnet sich ausgerechnet beim Thema Wirtschaft, das bislang noch jeden Amtswechsel unbeschadet überstanden hat, eine tiefe Zäsur an. Im Gegensatz zu all seinen Vorgängern hat sich Trump im Wahlkampf als Gegner des freien Handels präsentiert, der möglicherweise zum Schutz der amerikanischen Wirtschaft sogar vor Schutzzöllen nicht zurückschreckt, was deutsche Produkte in den USA erheblich verteuern würde. Zudem drohte er allen Ländern mit hohen Handelsüberschüssen mit Strafzahlungen.
Kanzlerin Angela Merkel setzt darauf, dass Trump im Amt von den Realitäten eingeholt wird. Leicht, das weiß sie, wird es mit einem Mann wie ihm nicht. Aber das wäre es auch mit Hillary Clinton nicht geworden. Das allerdings ist nichts Neues. Willy Brandt hatte seine Probleme mit Richard Nixon, Helmut Schmidt mit Jimmy Carter und Gerhard Schröder mit George W. Bush – und umgekehrt. Doch das deutsch-amerikanische Verhältnis hat dies stets überstanden.

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