09. Juli 2017, 22:39 Uhr

Aufräumen nach den Hamburger Chaostagen

09. Juli 2017, 22:39 Uhr

Der Geruch der Hamburger Chaostage liegt am Sonntagmorgen noch immer in der Luft. In einem ausgeplünderten Supermarkt ist wieder ein Glutnest entflammt, verbrannte Barrikaden kokeln vor sich hin, überall liegen kaputte Flaschen. Auf dem Weg zum Bäcker umkurven Anwohner auf ihren Rädern die Scherben. Andere sehen in der Straße Schulterblatt mit einem Kaffee in der Hand zu, wie die Stadtreinigung die Spuren der Zerstörung wegkehrt.

Doch die schwersten Ausschreitungen in der Hansestadt seit Jahrzehnten haben mehr als nur zerstörte Straßenzüge hinterlassen. Zurück bleibt vor allem Wut. Und Fassungslosigkeit. »Das war Bürgerkrieg. Die Leute wurden im Stich gelassen«, sagt Anwohner Jörg Müller (43). Und keiner übernehme dafür die Verantwortung. »Den Gipfel zu schützen, ist ein Ziel gewesen. Aber Anwohnern die bürgerkriegsähnlichen Zustände zu überlassen, geht gar nicht.« Wie er denken viele nach den Gewaltexzessen, die sich über Tage vor ihrer Haustür abspielten. Die über allem thronende Frage: Wie konnte das passieren, wenn man weiß, dass es passiert? »Man hätte denken können, dass die Ausschreitungen so heftig werden«, sagt Anwohner Konstantin (27), seinen kleinen Sohn Noah im Arm haltend. Vor ihrem Haus hätten die Chaoten Barrikaden errichtet: »Da kriegt man schon Angst.« Und er habe sich gefragt: »Gibt es noch Tote? Werden Häuser angezündet?« Diese Eindrücke müssten die Leute erst einmal verarbeiten, ist Konstantin sicher: »Das bleibt in den Köpfen.« In den Köpfen wird wohl auch bleiben, dass von Bürgermeister Olaf Scholz im Schanzenviertel lange nichts zu sehen war. Selbst nach der Orgie der Gewalt in der Nacht zu Samstag, als vermummte Chaoten Läden geplündert, Barrikaden angezündet sowie Polizisten verletzt hatten, änderte der SPD-Politiker nicht seine Pläne.

Vor allem eine Frage bleibt: Wie kann es sein, dass etwa 1500 militante Gewalttäter eine ganze Straße zum rechtsfreien Raum machten, wenn die Sicherheitsbehörden doch rund 8000 gewaltbereite Linksextremisten erwartet hatten? Mit einer Erklärung tun sich alle schwer. Scholz räumt ein, dass er sein Sicherheitsversprechen nicht eingehalten hat. Auf ihn scheinen weitere schwere Tage zuzukommen. Die CDU-Fraktion der Hansestadt fordert am Sonntag seinen Rücktritt.

Für viele Hamburger ist auch unverständlich, warum es in der Nacht zum Sonntag erneut zu einem Ausbruch der Gewalt kommt – wenn auch nicht so exzessiv wie 24 Stunden zuvor. Als Donald Trump und die anderen Staatsgäste längst wieder auf dem Heimweg sind, fliegen erneut Flaschen und Steine. Stundenlang liefert sich die Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel mit Hunderten Krawallmachern. Die vorherigen Bilder des größtenteils friedlichen Protests bei zwei Großdemos geraten in den Hintergrund.

Eine erste Bilanz der Exzesse am Sonntag: 476 verletzte Polizisten, 186 festgenommene und 225 in Gewahrsam genommene Menschen, Dutzende zerstörte Autos, Schäden in Millionenhöhe.

Dass die Hamburger Chaostage längst eine Staatsangelegenheit sind, zeigt sich auch daran, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag gemeinsam mit Scholz über die Lage informiert und Sicherheitskräfte und Bewohner trifft. »Das, was ich gesehen habe an Bildern, erschüttert mich und macht mich fassungslos«, sagt Steinmeier. Und er lobt die Initiative »Hamburg räumt auf«, bei der Tausende Bürger am Nachmittag mit Putzeimern und Besen das Schanzenviertel reinigen. »Wir zeigen Solidarität mit unseren Nachbarn«, sagt Thorben Harms aus dem Stadtteil Barmbek.

Klar ist: Die politischen Aufräumarbeiten werden länger dauern als jene in den Straßen und Geschäften. Scholz und sein Innensenator Andy Grote (SPD), der mit Blick auf die Proteste »ein Festival der Demokratie« angekündigt hatte, dürften wohl manche Prognosen bedauern. Noch kurz vor dem Gipfel hatte Scholz dem Berliner »Tagesspiegel« gesagt: »Seien Sie unbesorgt: Wir können die Sicherheit garantieren.« Damit lag er falsch.

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