05. September 2017, 21:33 Uhr

Abschied von der Bühne

Gibt es ein Leben nach der Politik? Für viele Bundestagsprofis ist das unvorstellbar. Doch eine ganze Reihe prominenter Abgeordneter verabschiedet sich mit der Wahl am 24. September ins Privatleben. Ob sie wirklich loslassen können?
05. September 2017, 21:33 Uhr
DIE KOMBO zeigt prominente Bundestagsabgeordnete, die bei den Wahlen im September nicht mehr zur Wahl antreten werden: (obere Reihe, v. l.) Franz Josef Jung (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Marieluise Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Heinz Riesenhuber (CDU), Brigitte Zypries (SPD), (zweite Reihe v. l.) Joachim Poß (SPD), Rainer Arnold (SPD), Kristina Schröder (CDU), Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen), Jan van Aken (Die Linke), (untere Reihe v. l.) Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen). Wolfgang Bosbach (CDU), Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen), Erika Steinbach (fraktionslos, früher CDU), Gerda Hasselfeldt (CSU). (Fotos: dpa)

Gemeinsam bringen sie es auf stolze 152 Dienstjahre im Bundestag: Norbert Lammert, Gerda Hasselfeldt, Heinz Riesenhuber, Christian Ströbele und Wolfgang Bosbach. Als sie erstmals ins Parlament einzogen, stand bei der Jahreszahl noch eine 1 vorn, war Bonn noch Bundeshauptstadt, wurde in Deutschland noch mit der D-Mark gezahlt. Sie schlugen viele politische Schlachten – in ihrer Partei, im Bundestag, in Talkshows. Doch nun wollen sie sich aufs Altenteil zurückziehen. So wie eine Reihe anderer Mitstreiter auch.

Am größten ist der altersbedingte Aderlass in der CDU/CSU-Fraktion. Der prominenteste Aussteiger ist wohl Bundestagspräsident Norbert Lammert. Als er im vergangenen Oktober überraschend ankündigte, dass er im Herbst 2017 nach dann 37 Jahren aus dem Bundestag ausscheiden wolle, löste das in seinem CDU-Kreisverband Bochum und im Landesverband NRW ein kleines Beben aus. »Der Abschied aus der aktiven Politik fällt mir nicht leicht«, schrieb Lammert damals an seine Parteifreunde. Aber: »Ich denke, es ist nun Zeit für einen Wechsel. « Wechsel ja – aber ins Privatleben und nicht ins Amt des Bundespräsidenten, wie der heute 68-Jährige kurz darauf klarstellte, nachdem spekuliert worden war, er wolle Joachim Gauck als Staatsoberhaupt beerben.

Mit 68 Jahren dachte Heinz Riesenhuber noch lange nicht ans Aufhören. Der CDU-Politiker aus Hessen ist inzwischen 81 Jahre alt. 2009 und 2013 eröffnete er die erste Sitzung des neu gewählten Bundestags als Alterspräsident. Schon unter Kanzler Helmut Kohl diente der Mann mit der Fliege als Markenzeichen elf Jahre als Forschungsminister. Vor der Wahl 2013 erzählte Riesenhuber, er habe die erneute Kandidatur mit seiner Frau besprochen. Ihre Reaktion: »Einmal mache ich es noch mit, und dann wollen wir in die Freiheit aufbrechen.« Eine Wahlperiode später steht für ihn nun fest: »40 Jahre Bundestag sind ’ne ganz tolle Geschichte, aber es gibt noch ein Leben.« So sieht es wohl auch Gerda Hasselfeldt. Die Statthalterin der CSU im Bundestag stand im Gegensatz zu Riesenhuber bis zuletzt in vorderster Linie des Berliner Politikbetriebes. Die CSU-Landesgruppenvorsitzende (67) kündigte schon im April vergangenen Jahres an, nicht mehr zu kandidieren. »Dann müssen Jüngere das Ruder übernehmen«, erklärte die Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel. Auch sie hatte schon dem Kabinett Kohl angehört – als Bau- und als Gesundheitsministerin.

Und noch einer verursachte in seiner Partei leichte Schockwellen, als er kundtat, er wolle sich »den Stress nicht weiter antun«: Hans-Christian Ströbele, einziger Grünen-Abgeordneter mit einem Direktmandat im Bundestag, längst Kultfigur in seinen Kreisen und darüber hinaus, bis zuletzt bissiger Kontrolleur der Geheimdienste im zuständigen Bundestagsgremium. Als »letzte Inkarnation des grünen Gewissens« wurde der 78-Jährige in seinem Landesverband gefeiert. Nicht minder streitbar wie der Grüne aus dem Berliner Multikulti-Kiez Friedrichshain-Kreuzberg war stets der CDU-Mann Wolfgang Bosbach aus dem eher idyllischen Bergisch Gladbach bei Köln. Eloquent mitreden bei jedem politischen Thema? Kein Problem für den 65-Jährigen, der daher Dauergast in Talkshows war. Sein Kernthema war die innere Sicherheit. Bundesinnenminister wäre er gern geworden, doch das blieb ihm verwehrt. Poltern konnte er nicht nur im Fernsehen, sondern auch in der eigenen Partei. So legte Bosbach 2015 aus Verärgerung über die Griechenland-Politik mit großem Rums den Vorsitz im Innenausschuss des Bundestages nieder.

Zerrüttung gab es auch

Immerhin blieb er seiner Partei treu – im Gegensatz zur stetig nach rechts driftenden Erika Steinbach. Die Frankfurter Abgeordnete trat Anfang 2017 mit heftigen verbalen Attacken auf Merkel aus der CDU aus, für die sie rund 26 Jahre im Bundestag saß. Dazukamen nun noch ein paar Monate als fraktionslose Abgeordnete. Das Verhältnis der 74-Jährigen zu ihrer Partei galt schon länger als zerrüttet. Weitere Aussteiger? Die früheren Bundesminister für Verteidigung und Familie, Franz Josef Jung und Kristina Schröder (beide CDU), sagen ebenso »tschüss« wie Brigitte Zypries (SPD), die gerade noch mal Bundeswirtschaftsministerin geworden ist. Für die SPD gehen auch der Verteidigungspolitiker Rainer Arnold und der Haushaltsexperte Joachim Poß.

Bei den Grünen werden im nächsten Bundestag prominente Namen wie Bärbel Höhn, Marieluise Beck und Volker Beck fehlen, bei der Linken der Außenpolitiker Jan van Aken. Nicht alle prominente Abgänger werden wohl völlig in der Versenkung verschwinden. »Es gibt noch ein politisches Leben außerhalb des Deutschen Bundestags«, sagte Ströbele, als ihn sein Berliner Landesverband verabschiedete. »Ihr werdet von mir hören.« Das gilt auch für Bosbach. Wobei der künftige Kolumnist der »Bild«-Zeitung versichert, es gehe ihm in diesem neuen Job nicht darum, »mich weiter an meiner Partei zu reiben«. Ob ihm das gelingt?

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aussteiger
  • Brigitte Zypries
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel
  • Bundesminister für Verteidigung
  • Bärbel Höhn
  • CDU
  • CSU
  • Deutscher Bundestag
  • Erika Steinbach
  • Franz Josef Jung
  • Gerda Hasselfeldt
  • Hans-Christian Ströbele
  • Heinz Riesenhuber
  • Helmut Kohl
  • Jan van Aken
  • Joachim Gauck
  • Joachim Poß
  • Kohl-Regierung
  • Kristina Schröder
  • Marieluise Beck
  • Norbert Lammert
  • Rainer Arnold
  • SPD
  • Talkshows
  • Theater
  • Volker Beck
  • Wolfgang Bosbach
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen