08. Mai 2017, 19:48 Uhr

2:0 für Merkel

08. Mai 2017, 19:48 Uhr
FER

Wahlen muss man gewinnen, nicht Umfragen. Und Stimmungen, zumal selbst erzeugte, sind noch lange keine Stimmen. Politische Binsenweisheiten, wohl wahr, aber von zeitloser Gültigkeit, wie SPD-Chef und Merkel-Herausforderer Martin Schulz gerade bitter erfahren muss. Nach einem furiosen Start und einer unglaublichen Aufholjagd in den Meinungsumfragen ist er reichlich unsanft auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet. Seine Kampagne ist kein Selbstläufer, im Gegenteil, schneller als erwartet ist der neue SPD-Chef im tiefen Tal der Tränen angekommen und sieht sich heftigem Gegenwind ausgesetzt.

Dabei hatten sich Schulz und die Strategen im Willy-Brandt-Haus für das Rennen um die Kanzlerschaft einen vielversprechenden Plan zurechtgelegt. Zuerst sollte im Saarland Ende März CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer besiegt und dann im Mai in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen die SPD-Regierungschefs Torsten Albig und Hannelore Kraft eindrucksvoll im Amt bestätigt werden. Mit dieser Siegesserie im Rücken wollte Schulz Angela Merkel unter Druck setzen und selber das Kanzleramt erobern.

Inhaltlich wenig zu bieten

Doch nach zwei Wahlen liegt der Herausforderer bereits mit 0:2 im Rückstand. Schlimmer noch, ausgerechnet bei den Wahlen in NRW, der Herzkammer der Sozialdemokratie, droht am kommenden Sonntag ein weiteres Debakel. SPD und CDU liegen praktisch gleichauf, Rot-Grün ist in der Defensive. Die erkennbaren Defizite der eigenen Spitzenkandidaten werden zu einer Last für den neuen Hoffnungsträger der SPD. Wie in Kiel so eventuell auch in Düsseldorf: Wenn in den Ländern die Bilanz der jeweiligen Landesregierung dürftig ausfällt, hilft die Beliebtheit des SPD-Chefs auch nichts, erst recht wenn er auch inhaltlich nur wenig zu bieten hat.

Merkels Strategie, den Herausforderer kommen zu lassen, ruhig zu bleiben und auf seine Entzauberung zu setzen, geht auf. Als Kanzlerin hat sie alle Trümpfe in der Hand, weil sie aus dem Amt heraus agieren kann. Während Schulz nicht einmal den Bundestag als Bühne hat, steht Merkel ein ums andere Mal im Rampenlicht. In Kürze empfängt sie den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Ende Mai tritt sie beim Kirchentag mit dem früheren US-Präsidenten Obama auf, als Gastgeberin des G20-Gipfels empfängt sie die Großen der Welt. Ihre Stimme hat Gewicht, die Bilder gehen um die Welt. Zudem ist auf Bundesebene die Wechselstimmung gering ausgeprägt, die Kanzlerin kann neben ihrer internationalen Reputation mit glänzenden Zahlen zu Hause aufwarten. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit hat ein Rekordtief erreicht, Löhne und Renten steigen, dagegen rückt die Flüchtlingskrise in den Hintergrund, die CDU punktet auch beim Thema innere Sicherheit.

Nicht zuletzt hat Angela Merkel den überragenden strategischen Vorteil, dass sie im Gegensatz zu Schulz über mehrere Koalitionsoptionen verfügt, während die SPD unverändert keine realistische Machtperspektive hat. Mit Ausnahme der beiden extremen Kräfte, AfD und Linke, kann die CDU mit allen Parteien Bündnisse eingehen, mit der FDP ebenso wie mit Grünen und SPD ohnehin.

Wenn es Daniel Günther, dem neuen Shootingstar der Union, gelingt, im Norden das erste Jamaika-Bündnis aus CDU, FDP und Grünen zu schmieden – eine Option, die auch Armin Laschet in NRW anstrebt – wäre dies eine entscheidende Weichenstellung für die Bundestagswahl: Die Union kann auch den Dreier. Merkels Flexibilität ist ihre Stärke, ihr hat Schulz nichts entgegenzusetzen. An Christian Lindner wie den beiden Ober-Realos Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt würde Jamaika sicherlich nicht scheitern. Und damit stünde es im Herbst 4:0 für Merkel. Wer hätte dies noch im Januar für möglich gehalten?

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