24. Juli 2017, 17:57 Uhr

Vorsorgelücken und teure Pillen

24. Juli 2017, 17:57 Uhr

»Achtung! Hepatitis-A-Ausbruch in Berlin. Klick hier und schütze dich.« Neben Hotel- und Bierwerbung blinkt auf der Webseite des Christopher Street Day auch eine Anzeige des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGESO). Denn seit November 2016 beobachten Experten in der Hauptstadt immer neue Fälle der Leberentzündung. Sie geht ausschließlich mit akuten Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen sowie einer Gelbfärbung von Haut und Augen einher – und bedeutete bislang in etwa jedem dritten Fall einen Aufenthalt im Krankenhaus. Die Infektion heilt in vielen Fällen von selbst aus. Betroffen sind vor allem Männer, ein Großteil gibt an, schwul zu sein. Von den bundesweit rund 550 gemeldeten Infektionen mit Hepatitis A in diesem Jahr stammen gut 100 aus Berlin.

Übertragung durch Kontakt

Einzelne Fälle wurden auch aus anderen deutschen Großstädten wie Köln und München berichtet, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI). Die Hauptstadt jedoch erlebt eine Häufung von Fällen wie noch nie binnen kurzer Zeit. Üblicherweise wird das Virus in Deutschland eher bei Kindern und in Einzelfällen beobachtet, am häufigsten verbunden mit Reisen in betroffene Gebiete.

Übertragen werden kann das Virus durch Kontakt- und Schmierinfektionen, etwa durch enge Kontakte im Kindergarten oder in Haushalten, beim Sex vor allem unter Männern oder etwa durch kontaminiertes Wasser. Die Berliner Anzeige im Netz ist neben Aushängen und Postkarten in Clubs ein Versuch, die Szene über das Infektionsrisiko aufzuklären und zur Impfung aufzurufen.

Vor dem Welt-Hepatitis-Tag am Freitag warnt RKI-Expertin Ruth Zimmermann: »Die Bevölkerung ist nicht so gut geimpft, wie sie sein könnte, sein sollte.« Impfungen gibt es gegen die Virustypen A und B. Erstere wird vor allem Fernreisenden empfohlen, Letztere seit 1995 für alle Säuglinge und Kleinkinder.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO strebt die Eindämmung von Hepatitis bis 2030 an. Zimmermann und ihre Kollegin Sandra Dudareva-Vizule, die sich am RKI mit dem Thema befassen, sehen Deutschland noch vor einigen Anstrengungen, um Neuinfektionen, chronische Verläufe und damit die Weiterverbreitung einzugrenzen. Hauptaugenmerk legen die Expertinnen auf Hepatitis B und C: Diese können schwerere und chronische Verläufe nehmen, zu Leberkarzinomen und Leberzirrhose führen. Internationalen Schätzungen zufolge dürften hierzulande Hunderttausende von Hepatitis B und C betroffen sein, insgesamt rund 7400 Fälle wurden dem RKI 2016 gemeldet.

Dabei haben sich die Behandlungsmöglichkeiten vor allem bei Hepatitis C verbessert. Dieser Typ sei inzwischen »in fast allen Fällen« therapierbar, sagt Zimmermann. Seit 2014 kommen laufend neue, sehr wirksame – und sehr teure – Medikamente auf den Markt. Nach einem Anstieg der Behandlungszahlen 2015 gab es im vergangenen Jahr jedoch ein Rückgang, sagt die Expertin. Jetzt müssten Hepatitis-C-Infektionen aktiver diagnostiziert werden.

Patentstreit um Wirkstoff

Die Organisation Ärzte der Welt kritisiert die Preisgestaltung eines der Mittel gegen Hepatitis C: Eine dreimonatige Behandlung damit kostet offiziell rund 60 000 Euro. Eine Sprecherin sagte über erste Erfahrungen, die Therapie werde noch nicht in allen Fällen von den Kassen übernommen. Zumindest Einzelfälle seien bekannt, in denen Ärzte daher vor der Verschreibung zurückschreckten. Um die Zugänglichkeit des Wirkstoffs in Europa zu beschleunigen, fechten mehrere Organisationen das Patent auf den Wirkstoff an. Sie hoffen auf günstigere Generika.

Weniger gut als bei Hepatitis C sind die Prognosen bei Hepatitis B: Diese gilt als Diagnose fürs Leben, wenn die Infektion chronisch wird, wie Sandra Dudareva-Vizule sagt. Mit Blick auf die vorhandene Impfung betont sie: »Die Infektionen müsste es eigentlich gar nicht geben.« Bei der Schuleingangsuntersuchung seien 88 Prozent der Kinder geimpft – noch zu wenig.

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