14. April 2017, 19:51 Uhr

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14. April 2017, 19:51 Uhr

Die Katze war die ganze Nacht nicht zu Hause. Am anderen Morgen schaute sie mich verkatert an.

Ich sagte: »Wo warst du?«

Sie gab keine Antwort.

Frauen haben so ihre Geheimnisse. Stattdessen erklärte sie mir lautmalerisch, was sie gerade verspürte, nämlich Hunger.

Vielleicht kennen Sie das: Papa ist fürs Frühstück zuständig. Falls Sie sich zum Vater einer Katze mausern wollen, müssen Sie die Speisen und den Service perfektionieren.

Ich hobele zurzeit über das Dosenfutter noch etwas frische Möhre. Ostern steht vor der Tür. Und Möhre ist gesund. Dann warte ich, bis die Katze aufgegessen hat. Gehe ich während des Mahls weg, läuft sie hinter mir her und plärrt, bis wir beide wieder an ihrem Napf hocken. Früher mussten die Kinder vor ihrem Teller sitzen bleiben, bis er leer war. So ändern sich die Zeiten.

Falls es Rind oder Kaninchen in Gelee gibt, lässt sich die Katze beim Essen sogar streicheln. Bei Fischgerichten nicht. Das hat sein Gutes. Fischgerichte verströmen einen ziemlich üblen Geruch für alle, die keine Katze sind. Und nach dem Essen möchte sie gern noch etwas gekrault werden.

Doch diesmal verschmähte die Katze ihr Frühstück. Sie nahm nur zwei Anstandshäppchen zu sich. Und gekrault werden wollte sie auch nicht. Sie wollte wieder nach draußen.

Ich sagte: »Du warst die ganze Nacht fort.«

Die Katze stellte sich vor die Wohnungstür.

Ich sagte: »Du solltest ein paar Stunden schlafen.«

Die Katze maunzte. Und wenn wir ehrlich sind: Wann haben Sie zuletzt auf die Worte Ihres alten Herrn gehört?

Ich ließ sie also wieder nach draußen. Und ging hinterher. Ich war ziemlich neugierig darauf, wo sie hinwollte.

Die Katze lief zielstrebig durch den Garten und sprang hinten über den Zaun. Meine erste Hürde. Der Zaun ist eins achtzig hoch. Warum auch immer. Ich sprang ebenfalls darüber. Also, ich wuchtete mich über den Zaun. Mein Hosenbein zerriss und ich verlor einen Schuh. Egal. Nun standen wir im Garten der Nachbarn. Da stehe ich sonst nie. Die Nachbarn haben viel Zeit in ihr Areal investiert. Das sah ich auf den ersten Blick. Alles ist akkurat zurechtgeschnitten. Der Rasen hat Bundesligaqualität. Bei mir ist mehr Natur im weitesten Sinne.

Die Katze schaute mich an.

Ich sagte: »Was ist?«

Die Katze schaute mich an.

Ich sagte: »Ich bin über den Zaun geklettert. Na und?«

Die Katze schaute mich an.

Ich sagte: »Ja, ich habe mir dabei die Hose zerrissen und einen Schuh verloren.«

Die Katze kniff die Augen zusammen.

Ich sagte: »Nein, ich gehe nicht wieder zurück. Ich gehe mit dir.«

Die Katze lief über den Vorzeigerasen zum Haus. Auf der Terrasse stand eine Bank. Auf der Bank saß ein dicker schwarzer Kater. Als er die Katze erspähte, maunzte er vergnügt. Als er mich sah, sprang er durch die geöffnete Terrassentür nach drinnen. Die Katze lief ihm hinterher. Ein Tête-à-Tête am Vormittag. Unglaublich!

Ich blickte nach links und rechts und betrat vorsichtig die Terrasse. Ich kenne die Nachbarn hintenraus gar nicht. Ich gehe immer vorne raus. Vorneraus kenne ich jeden. Hintenraus keinen. Ich weiß nur, dass hintenraus alle etwas seltsam sein sollen. Während ich das dachte, schlich ich Schritt für Schritt zur Terrassentür.

Ich lugte durch den Türspalt und sah eine Frau. Sie hantierte an der Arbeitsplatte in der Küche. Die Katzen waren nicht zu sehen. Doch die Frau sprach offenbar mit ihnen. Sie schaute beim Reden nach unten. Leider konnte ich kein Wort verstehen. Ich wagte mich noch etwas näher heran und hielt ein Ohr an die Tür.

Plötzlich rief eine tiefe Stimme hinter mir: »Was machen Sie da?«

Zunächst einmal machte ich einen ertappten Eindruck. Dann drehte ich mich um.

Ein Mann stand vor mir. Groß, kräftig, mit entschlossenem Kinn.

Ich räusperte mich.

Der Mann sagte: »Sie sind doch der Nachbar von hintenraus.«

»Ich bin«, sagte ich, »der Nachbar von vorn.«

»Für uns ist das hinten.«

Ich sagte: »Sicher.«

Da trat die Frau aus der Terrassentür: »Oh... hallo, Sie sind doch der Nachbar von hintenraus. Ihnen gehört die schöne dreifarbige Katze.«

Wir schüttelten die Hände. So lernt man sich kennen.

Ich sagte: »Die Katze gehört mir nicht. Sie wohnt nur bei mir.«

Die Frau sagte: »Unsere Katze heißt Susi.«

Ich sagte: »Und der dicke schwarze Kater?«

»Welcher dicke schwarze Kater?«

Wie aufs Stichwort kamen die Katze und der dicke schwarze Kater aus der Tür.

Ich zeigte mit dem Finger auf ihn: »Der dicke schwarze Kater da.«

Der Mann empörte sich: »Susi ist nicht dick.«

Ich schaute ihn verblüfft an.

Die Frau lächelte: »Susi isst gern. Ihre Katze isst dann manchmal mit ihr. Ich hoffe, das geht in Ordnung. Heute gab es frische Rinderleber.«

Die Katze schmiegte sich an meine Beine. Ich nahm sie auf den Arm und sagte: »So so, frische Rinderleber.« Die Katze schnurrte und rieb ihr Köpfchen an meinem Kinn. Ich sagte: »Wir gehen dann.« Die Nachbarn winkten, als ich mit der Katze auf dem Arm ungelenk über den Zaun stieg. Der Mann sagte leise: »Er trägt nur einen Schuh.« »Ja«, flüsterte seine Frau, »und seine Hose ist zerrissen.« Der Mann nickte: »Hintenraus sind sie alle etwas seltsam.«

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