30. Juni 2017, 18:16 Uhr

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30. Juni 2017, 18:16 Uhr

Ich saß im Arbeitszimmer vor dem Computer, die kleine Lisa von gegenüber saß im Sessel neben dem Schreibtisch, auf ihrem Schoß saß die Katze. Sie hatte die Vorderpfoten untergeschlagen und ließ sich kraulen. Lisa erzählte ihr dies und das. Die Katze hört gern zu, wenn sie dabei gekrault wird. Und ich dachte: Obwohl Lisa ziemlich viel erzählt, lenkt es mich nicht ab.

Ich schrieb eine Opernkritik. Über eine dümmliche Oper. Dabei sind Komponisten kluge Leute. Und Librettisten auch. Wenn sich beide zusammentun, sollte nach Mendel eine kluge Oper herauskommen. Doch es gibt Ausnahmen. Kunst ist keine Naturwissenschaft. Andererseits muss die Chemie stimmen.

Während ich das dachte, erzählte Lisa von ihrer Mama. Sie ist Psychologin und behandelt ihre Patienten bei sich zu Hause. Die Katze schnurrte. Ich schrieb.

Dann sagte Lisa: »Wie lange brauchst du noch?«

Ich sagte: »Drei Stunden.«

Lisa rief: »Drei Stunden?«

Sie hörte auf, die Katze zu kraulen. Die Katze stellte ihr Schnurren ein und schaute Lisa an.

»Mama behandelt in drei Stunden fünf Patienten. Warum kannst du in drei Stunden nur eine Oper behandeln?«

»In dieser Oper kommen mindestens fünf Patienten vor.«

Lisa nickte. Sie kraulte die Katze weiter. Die Katze schnurrte wieder.

Dann sagte Lisa: »Schreiben Ärzte Opern?«

»Selten.«

»Wer schreibt Opern?«

»Komponisten.«

»Dürfen Komponisten ihre Patienten krankschreiben?«

»In gewisser Weise schon.«

»Mama darf niemanden krankschreiben. Nur mich, wenn ich nicht in die Schule kann.«

In der Oper ging es um einen kranken Künstler. Es nahm kein gutes Ende mit ihm.

Lisa sagte: »Dürfen auch kranke Leute Opern schreiben?«

»Natürlich.«

»Kann man es hören, wenn der Komponist krank war?«

»Manchmal.«

»Bei mir kann man es immer sehen, wenn ich krank bin. Ich habe dann eine rote Nase. Haben Komponisten rote Nasen?«

»Einige.«

»Vom Schnupfen?«

»Vom Alkohol.«

»Mama sagt, vom Alkohol werden die Leute krank.«

»Mama hat wie immer recht.«

Lisa sagte zur Katze: »Du trinkst nur Wasser und bist nie krank.«

Der Beweis war damit erbracht. Die Katze schnurrte lauter. Ich notierte einen Absatz über die Trunksucht des Komponisten und seine Neigung, aus seinen Figuren Patienten zu formen.

Dann sagte Lisa: »Wie lange dauert eine Oper?«

»Drei Stunden.«

Lisa rief: »Drei Stunden?«

Sie hörte auf, die Katze zu kraulen. Die Katze stellte ihr Schnurren ein und schaute Lisa an. Ich notierte einen Absatz über die fragwürdige Länge des Werks.

»Gibt es auch kurze Opern?«

»Ein paar.«

»Wenn die Oper kurz ist, schreibst du dann eine Kurzkritik?«

»Gut möglich.«

»Kannst du heute eine Kurzkritik schreiben?«

»Warum?«

»Mama sagt, wer sich zu lange mit Patienten beschäftigt, wird selber krank.«

»Ich werde nicht krank.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich mag Opern.«

»Alle?«

»Nur die guten.«

»Woran kannst du die schlechten erkennen?«

»Sie klingen nicht besonders.«

»Mama sagt, eine Oper klingt wie die andere.«

»Sie hört sich ja nie welche an.«

Lisa nickte. Sie kraulte die Katze weiter. Die Katze schnurrte wieder. Ich notierte einen Absatz über den desolaten Zustand der Hauptfigur und die uniforme Musik.

Lisa sagte: »Darf ich mal mit in die Oper?«

»Wenn du magst.«

»Mama will sicher nicht, dass ich so viele kranke Leute sehe.«

»Es sind auch Gesunde dabei.«

Während ich das sagte, dachte ich nach und sagte: »In dieser Oper aber eher nicht.«

Da sagte Lisa: »Du solltest jetzt besser eine Pause machen.«

»Erst wenn ich fertig bin.«

»Mama macht nach jedem Patienten eine Pause.«

»Das ist was anderes.«

Lisa rief: »Ist es nicht.«

Sie hörte auf, die Katze zu kraulen. Die Katze stellte ihr Schnurren ein und schaute Lisa an. Dann schaute die Katze mich an. Das Hin und Her machte sie nervös.

»Mama sagt, sie muss nach jedem Patienten eine Pause machen, sonst wird sie verrückt.«

Ich notierte einen Absatz über den Regisseur. Er hatte sich in seiner fahrigen Inszenierung zu stark auf die Irrungen der Protagonisten fokussiert.

Lisa sagte: »Sind die Patienten in der Oper auch verrückt?«

»In dieser schon.«

Lisa dachte nach. Sie kraulte die Katze weiter. Die Katze überlegte, ob es sich lohnte, mit dem Schnurren anzufangen.

Da sagte Lisa: »Die Katze hat Hunger. Und ich auch.«

Bei dem Wort Hunger streckte sich die Katze und sprang von Lisas Schoß. Schon maunzte sie aus der Küche.

Ich sagte: »Also gut. Was wollen wir essen?«

»Was Gesundes.«

»Kein Problem. Ich habe Spinat, Tomaten und Karotten im Haus.«

Lisa schaute mich an: »Kann ich ein gesundes Nutellabrot haben und du isst das gesunde Gemüse?«

Ich lächelte: »Warum muss ich das gesunde Gemüse essen?«

Lisa sagte mit Nachdruck: »Na, ich will nicht, dass du krank und verrückt wirst.«

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