04. Oktober 2018, 22:21 Uhr

documenta-Obelisk bleibt Politikum

04. Oktober 2018, 22:21 Uhr
Der Obelisk des Künstlers Olu Oguibe wurde auf dem Kasseler Königsplatz abgebaut, da der Leihvertrag abgelaufen war. (Foto: dpa)

»Weg ist er«, sagt Herbert Heinrich und blickt am Donnerstag ratlos über den Kasseler Königsplatz. An dem leeren Fleck vor ihm stand vor Kurzem eines der bekanntesten Kunstwerke der vergangenen documenta: der Obelisk des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ die Stadt die 16 Meter hohe Säule abbauen. Es sei schade um den Obelisken, erklärt der Rentner: »Er war eine Anlaufstelle, wo die Leute stehenbleiben und diskutieren.«

Das ist auch ohne Obelisk noch so. Immer wieder bilden sich kleine Grüppchen an der Absperrung. Unbekannte haben Blumen zwischen die Steine gesteckt. Dass das Kunstwerk die Meinungen spaltet, zeigen Diskussionen in sozialen Netzwerken. Einige freuen sich über den Abbau, andere sprechen von einer »hässlichen Botschaft« am Tag der Deutschen Einheit. Der Obelisk war ein Kunstwerk zum Thema Flucht.

Am Feiertag hatte Kassel das Kunstwerk abgebaut. Über ein Jahr nach dem Ende der weltweit bedeutendsten Ausstellung für moderne Kunst hatte man sich mit Oguibe nicht auf einen Standort einigen können. Der Künstler beharrte auf einem Verbleib des Werks in Kassels Zentrum. Die Stadt erklärte, den Platz freihalten zu wollen.

Nun ist der Obelisk aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Die Stadt steht vor einem Dilemma: Das Kunstwerk ist eine Leihgabe. Sie kann damit nicht machen, was sie will. Deshalb sieht die Verwaltung den Künstler in der Pflicht. Eine Einigung, dass die Stadt den Obelisken nun doch mit den gesammelten 126 000 Euro Spenden kauft und an einem anderen Ort aufstellt, wäre theoretisch möglich. Doch der Abbau habe für das Verhältnis zwischen Künstler und Stadt schwerwiegende Folgen, glaubt Jörg Sperling, Vorsitzender des documenta forums in Kassel. »Was da passiert ist, lässt sich nicht wieder gutmachen.« Die Stadtgesellschaft stehe nun »vor den Trümmern des Mahnmals«. Sperling sagt aber auch: Formal rechtlich gesehen sei der Abbau eine saubere Sache gewesen.

Seinen Obelisken einfach zurückzunehmen, wollte Oguibe auch nicht: »Wenn die Stadtoberhäupter ihn so lange leihen wollen, bis sie ihre Meinungsverschiedenheiten gelöst haben, können sie das gerne tun«, hatte er am Montag gesagt, nachdem eine von der Stadt gesetzte Frist verstrichen war. Was nun geschieht, wenn der Künstler sich nicht meldet, bleibt unklar. Die Stadt Kassel schwieg am Donnerstag dazu. Der Obelisk bleibt verschwunden. Wo das zerlegte Kunstwerk steht, wollte ein Stadtsprecher nicht verraten.

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