16. August 2019, 18:05 Uhr

Zeit für Standing Ovations

Darauf haben alle Beteiligten lange gewartet: Sir Simon Rattle gibt sein Debüt beim Rheingau-Musik-Festival. Mit dem London Symphony Orchestra erobern er und Geigerin Janine Jansen das Kurhaus Wiesbaden.
16. August 2019, 18:05 Uhr
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Von Manfred Merz
Eingespieltes Team: Sir Simon gibt am Pult den Ton an, Janine Jansen hat ihren Mendelssohn an der Violine im Griff. (Foto: Klostermann)

Haben Sie noch zwei Minuten Zeit?«, fragt Sir Simon Rattle mit britischem Charme und Akzent. Das Publikum hat Zeit. Der Maestro lässt sein London Symphony Orchestra als Zugabe die feine, kleine (und eigentlich für Klavier komponierte) erste »Gymnopédie« des französischen Minimalisten Erik Satie intonieren. Getragen, erhaben, superb. Zuvor hatte Rattle mit der Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27 von Sergei Rachmaninow den Thiersch-Saal mit einem spätromantischen musikalischen Feuerwerk so heftig illuminiert, dass einige Hörgeräte vor Freude fiepten. Stehende Ovationen waren der verdiente Lohn für das Ausnahmeorchester und seinen Chefdirigenten.

Ein wenig knistert es vor Spannung, als Sir Simon am Donnerstag kurz nach acht die Bühne betritt und sich mit einem Lächeln verbeugt, so als wäre nichts gewesen. So als hätte er die Veranstalter nicht Jahre, ja Jahrzehnte warten lassen, ehe er im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals endlich einmal vorbeischaut. Als Chef der Berliner Philharmoniker, denen er von 2002 bis 2018 vorstand, ward der Künstler hier nicht gesehen.

Doch seit er beim London Symphony Orchestra den Ton angibt, hat sich einiges geändert. Der Altmeister lächelt eine Idee entspannter, das spitzbübische Grinsen gerät eine Spur lustvoller, er wirkt gut gelaunt. Seine weiße Lockenpracht wippt nach wie vor kräftig im Takt, wenn der 64-Jährige mit der Hand in die Themen sticht und aus den Bässen abgründige Tiefen hervorzaubert, um sie mit flirrenden Geigenpassagen zu konterkarieren.

Rattle beginnt den Abend im Kurhaus Wiesbaden mit Joseph Haydns Sinfonie Nr. 86 D-Dur. Schon die freundliche Tonart hat Willkommenscharakter, so wie der gesamte Haydn als Klassiker ein netter Kerl ist, den Dirigenten von Weltrang gern an den Anfang ihres Programms stellen, wenn deutlich Impulsiveres folgt. Rattle verzichtet beim Haydn - und auch beim Rachmaninow - auf Pult und Partitur (beim Haydn zudem auf den Taktstock), dirigiert das Werk jeweils auswendig.

Der erste Paukenschlag des Konzerts heißt Janine Jansen. Die Ausnahmegeigerin brilliert vor der Pause mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64. Die Holländerin interpretiert den Deutschen mit so viel Zug und Wagemut bei gleichzeitigem Gespür für die Vielzahl der Nuancen, dass sie alle schwindlig spielt. Sir Simon führt das Orchester an der kurzen Leine, achtet auf seine Solistin, lässt ihr Raum, Atem zu schöpfen und auch einmal innezuhalten, um danach noch furioser aufzutrumpfen. Der 41-Jährigen gelingen die Ecksätze mit Grandezza, der Mittelteil erblüht vor Schönheit.

Jansen wird vom ausverkauften Haus mit Standing Ovations gefeiert. Als Zugabe gönnt sie dem Publikum gemeinsam mit Gast-Konzertmeister Giovanni Guzzo zwei kleine augenzwinkernde Duos von Béla Bartók.

Der Rachmaninow danach hat es in sich. Nicht nur wegen der Spieldauer von knapp einer Stunde. Rattle fährt das ganz große Orchester auf. 16 erste Geigen sind ein Wort. Der Sound geht in die Vollen. Dabei wird es jedoch nie zu laut. Der Engländer versteht es, im Forte das Volumen zu nutzen, ohne harsche Spitzen zu setzen.

Die Musiker sind ein eingespieltes Team, das zuvor den Haydn leicht und grazil wirken ließ und nun dem Russen bereits beim einleitenden Largo organische Akkuratesse verleiht. Hinzukommt eine Klarheit in den Stimmen und dieser austarierte Gestus, den man guten alten Freunden gegenüber an den Tag legt, die man nicht oft sieht.

Rattle meistert den Spagat zwischen wärmenden Legatobögen und impulsiver Betonung. Die dezenten Verzögerungen, die in der Partitur vorgeschrieben sind, finden ihren Widerhall. Das Orchester musiziert in einer epischen Weite, die dem Werk Substanz verleiht und den Rachmaninow zum Erlebnis macht.



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