30. Mai 2017, 19:53 Uhr

»Zeit für Drama«

30. Mai 2017, 19:53 Uhr
Oliver Reese kommt vom Schauspiel Frankfurt in die Hauptstadt. (Foto: dpa)

Die »Einladung ins Schlammbad« hat er ausgeschlagen. Oliver Reese, neuer Intendant des Berliner Ensembles, ließ sich von seinem pöbelnden Vorgänger Claus Peymann nicht provozieren. Der 79-jährige Theaterpatriarch hatte den 53-jährigen Reese unter anderem als »Repräsentant einer Generation von gescheiten, gut informierten, aber handzahmen Verwaltern« beschimpft. Der vom Schauspiel Frankfurt kommende Reese gab sich unbeeindruckt und arbeitete lieber an seinem Konzept für das Traditionshaus am Schiffbauerdamm. Gestern stellte er frei unter dem Motto »Zeit für Drama« sein erstes Programm vor – und das hat es in sich.

Der gebürtige Westfale Reese setzt konsequent auf starke zeitgenössische Stücke – und vor allem auf ein starkes Ensemble. Ein echter Coup: Reese ist es gelungen, den unfreiwillig scheidenden Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf zu engagieren. Castorf werde in den nächsten fünf Jahren in Berlin ausschließlich am Berliner Ensemble (BE) Theater zeigen, sagt Reese im Interview: »Er nimmt sich zuerst eines großen Romanstoffes an, der es verrückterweise nur auf die Musicalbühne, aber nie auf die Theaterbühne geschafft hat: Victor Hugos ›Les Misérables‹ «.

Reeses Plan für die einstige Brecht-Bühne: »Wir schätzen Stücke, in denen die guten alten Tugenden des Theaters eine zentrale Rolle spielen: Drama, Figuren, Dialog, eine Geschichte und ein starkes Thema.« Der preisgekrönte Michael Thalheimer wird neuer Hausregisseur am BE. Reese wird außerdem mit den Regisseuren David Bösch und Antú Romero Nunes sowie der slowenischen Regisseurin Mateja Koleznik und Ola Mafaalani, einer Holländerin mit syrischen Wurzeln, zusammenarbeiten.

Zum neuen Ensemble gehören 28 festangestellte Schauspieler – darunter sind einige Stars wie Corinna Kirchhoff, Constanze Becker, Judith Engel, Patrick Güldenberg, Veit Schubert und Stefanie Reinsperger. »Ich finde es sehr gefährlich, die Struktur des Ensemble- und Repertoiretheaters aufzulösen«, sagte Reese mit Blick auf die Debatte um die Berliner Volksbühne und ihren neuen Intendanten Chris Dercon. »Denn ohne Ensemble gibt es auch kein Repertoire. Soll heißen: Keine täglich wechselnden Vorstellungen, nicht die Lebendigkeit eines großen, breiten Angebots.«

Autoren fördern

Konsequent will das neue Berliner Ensemble Autoren fördern. »Wir haben in Deutschland etwas richtig falsch gemacht mit unseren Autoren«, sagt Reese. »Es gab eine Zeit, da hatte der deutschsprachige Raum die stärksten Theaterschreiber zu bieten: Heiner Müller, Thomas Bernhard, Botho Strauß, Franz Xaver Kroetz. Es war vollkommen selbstverständlich, dass sie in den großen Häusern uraufgeführt wurden und danach im ganzen Land nachgespielt wurden. Das ist vorbei.«

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