04. April 2019, 18:19 Uhr

Wo einst Goethe Hessisch babbelte

04. April 2019, 18:19 Uhr
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Aus der Redaktion
Stellt seinen ersten Spielplan der Volksbühne vor: Michael Quast. (Foto: Archiv)

Für Michael Quast konnte der Mittwoch ein Tag der Genugtuung sein. Da saß er nun an einem langen Tisch auf der Probebühne des Frankfurter Cantatesaals im Großen Hirschgraben 15 und stellte den ersten Spielplan des Theaters vor, das er am 19. September darin eröffnen wird. Just am selben Ort hatte er einst versucht, mit Liesel Christ deren Volkstheater vor dem Besucherschwund zu retten. Der damalige Kulturdezernent Felix Semmelroth hatte ihn dazu ermächtigt. Doch Quast wollte mehr Leitungsverantwortung übernehmen, als die Prinzipalin ihm zugestand, und so scheiterte er. Jetzt aber ist er Herr im eigenen Haus, zusammen mit dem Regisseur Matthias Faltz, einem Mann seiner Wahl, der bis zum vergangenen Sommer Intendant des Landestheaters Marburg war.

Lange ist Quast mit seiner Fliegenden Volksbühne von einer freien Spielstätte zur nächsten geflattert. Seit Kurzem aber ist diese seine Volksbühne fest neben dem Goethehaus ansässig und wird bald zusammen mit dem Romantikmuseum die denkmalgeschützten Goethehöfe bilden. Wo einst Frankfurts Dichterfürst Hessisch babbelte, wird es von Herbst an Michael Quast mit seinem Ensemble tun. Zur Eröffnung hat der neue Patron seinen berühmten Nachbarn gleich mitengagiert, denn Premiere hat dessen Epos »Reineke Fuchs«.

Talkshow für die Eintracht

Am 24. Januar nächsten Jahres folgt das Werk eines kaum weniger bekannten Frankfurters, »Der Struwwelpeter«, verfasst vom Nervenarzt Heinrich Hoffmann und als Kinderbuch hinausgegangen in alle Welt. Letzteres ist nicht unmaßgeblich, denn das, was Michael Quast sich unter Volkstheater vorstellt, ist zwar mit Frankfurter Denkungsart und hessischer Mundart verbunden, aber nicht lokal borniert. Es reicht bis hin zu Shakespeare, dessen Bühnenkunst dem italienischen Volkstheater entstammt und der mit seiner Königstragödie »Macbeth« deshalb nicht ganz zu Unrecht als Puppentheater in die neue Volksbühne kommt.

Dass Goethe ein Puppentheater besaß, gehört zu den vielen Bezügen, die Quast mit großem Geschick in seinem Spielplan schafft. So entsteht ein regelrechtes Volkstheater-Reich, mit hessischen Einaktern unter dem Titel »Ich saach niks mehr«, mit vielen Friedrich-Stoltze-Abenden und mit einer Talkshow zu Ehren der Frankfurter Eintracht, weil auch Fußball grundsätzlich Volksdrama ist. Der Sportjournalist wird die Sache moderieren. Aber die Volksbühne treibt es noch bunter, um nicht nur die Rollen, sondern auch die 370 Plätze (fast halb so viele wie im Frankfurter Schauspiel) besetzen zu können.

So gibt es die Mitsingveranstaltung »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder«, die »Schlau-Schau« mit dem wilden Poetry-Slammer Lars Ruppel sowie den regelmäßigen »Frankfurter Kranz«, das »Quiz mit Quast«, bei dem der Direktor zum Quizmaster von vier Kandidaten mit satirischen Beiträgen wird. »Peterchens Mondfahrt« ist ab 24. November als Familienstück zu Weihnachten gedacht, während Quast zusammen mit dem Kabarettisten Philip Mosetter auf bekannt komödiantische Art vor »Grimms Märchen« warnt.

Weil der 60-jährige Theaternarr außerdem ein Musiktheater-Fanatiker ist, bringt er aus seinem Repertoire weiterhin »Im Weißen Rössl«, »Die Fledermaus« sowie »Don Giovanni« in Kurzform auf die Bretter und nicht zuletzt die »Offenbachiaden«. Da Frankfurt zudem kaum je so international ist wie zu Messezeiten, gibt es am 18. Oktober ein »Buchmessen-Special«, etikettiert als »Rauschernacht« mit Ebbelwoi bis 4 Uhr früh.

Finanzieren muss sich die neue Volksbühne mit ihren acht festen Mitarbeitern hauptsächlich über ihre Einnahmen. Es gibt nach Angaben von Quast keinen regelrechten städtischen Etat, aber derzeit einen jährlichen Zuschuss von 678 000 Euro. Davon gehen allein 25 000 Euro pro Monat für den Cantatesaal als Mietzahlung an die FAG raus. Sabine Kinner



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