30. September 2016, 12:00 Uhr

Warten auf die große Sanierung

(dpa). Große Namen, mutige Inszenierungen und politisches Engagement – damit hat sich die Staatsoper Stuttgart nach einem Jahrzehnt erstmals wieder die Auszeichnung »Opernhaus des Jahres« gesichert. Der nunmehr sechste Titel kommt für das von dem Schweizer Regisseur und Intendanten Jossi Wieler geführte Haus im richtigen Moment. Das mehr als 100 Jahre alte Operngebäude direkt im Herzen der Schwabenmetropole ist in die Jahre gekommen. Es zeigt an einigen Stellen tiefe Risse. Vor allem aber soll der markante Musentempel im Schlossgarten am Eckensee im Zuge einer geplanten Generalsanierung vergrößert werden. Der Titel »Opernhaus des Jahres« dürfte da die Politik ermutigen, rasch und tief in das Geldsäckel zu greifen.
30. September 2016, 12:00 Uhr
In die Jahre gekommen: das Stuttgarter Opernhaus. (Foto: dpa)

Die Oper glänzte zuletzt mit Inszenierungen prominenter Regisseure wie Christoph Marthaler (»Hoffmanns Erzählungen«), Calixto Bieito (»The Fairy Queen«) und Kirill Serebrennikow, der eine blutrünstige »Salome« mit Anklängen an den islamistischen Terror auf die Bühne brachte. Auch Wieler punktete mit der Neuinszenierung der Oper »Die Puritaner«. Aber in puncto Infrastruktur macht die Oper ihrem Ruhm kaum Ehre.
Mehr als 340 Millionen Euro soll es kosten, das denkmalgeschützte Gebäude zu erneuern und zu erweitern. Bisher beschlossen ist der Bau eines neuen Kulissengebäudes. Arbeiter sollen außerdem die rechte Fassade in Richtung Landtag verschieben, damit dann im Innern mehr Platz für eine größere Bühne entsteht.
Das Kernproblem aber ist weiter ungelöst. Es geht um eine Interimsspielstätte, die nach wie vor nicht in Sicht ist. Dabei ist immerhin eine bisher auf sieben Jahre angesetzte Sanierungszeit zu überbrücken. Bei seiner nächsten Sitzung im November will der Verwaltungsrat weitere Weichen stellen.
Opernchef Wieler (65) will das Projekt noch vor Ende seiner Intendanz 2018 auf den Weg bringen. Dann übernimmt Viktor Schoner, bisher künstlerischer Betriebsdirektor der Bayerischen Staatsoper München, als Intendant die Geschicke des historischen Umbaus. Mit mehr als 1300 Mitarbeitern in Oper, Ballett und Schauspiel bilden die Württembergischen Staatstheater das größte Dreispartenhaus weltweit.
Für Wieler, der mit seinem Dramaturgen Sergio Morabito hier seit Langem Opernerfolge feiert, ist der von 50 Kritikern aus Europa und den USA in einer Umfrage der Zeitschrift »Opernwelt« verliehene Titel ein ersehnter Erfolg. Unter der 15-jährigen Intendanz des gelobten »Dramaturgen-Superhirns« Klaus Zehelein holten die Stuttgarter fünfmal den begehrten Titel – zuletzt 2006.
Eine Aktie daran hatte auch Wieler mit seinen Inszenierungen. Der Regisseur nähert sich den Werken stets mit einigem Respekt – anders als viele seiner als Stückezerstörer bekannten Kollegen. Aber Wieler agiert immer wieder auch über die Grenzen der Bühne hinaus – nicht nur mit Gratisopernvergnügen im Internet für ein Massenpublikum über The Opera Plattform. Er hatte sich zuletzt auch mehrfach in die aktuelle politische Debatte eingeschaltet.
Bei der Eröffnungsmatinee am vergangenen Sonntag mit Ausblick auf die neue Spielzeit zeigte sich der Opernchef einmal mehr besorgt über die wachsende Fremdenfeindlichkeit in der Flüchtlingsdebatte. Und er erinnerte daran, dass die Württembergischen Staatstheater mit Mitarbeitern aus 80 Nationen Vielfalt vorlebten. Mit der Aktion gegen Anhänger der konservativen »Demo für alle« unterstützte die Oper dabei auch die Gleichstellung von Homo- und Heterosexuellen in der Bildungspolitik des Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.
Nicht nur Kretschmann gilt als guter Gast der Staatsoper Stuttgart, die ihre erste Premiere am 30. Oktober mit einer Neuinszenierung von Frank Castorf feiert: »Faust« von Charles Guonod. Vor allem hat sich die für Kultur im Ländle zuständige Ministerin Theresia Bauer (Grüne) mehrfach bekannt zu dem Jahrhundert-Umbau der Oper: »Es ist klar, dass eine Oper von solchem Rang deutlich besser ausgestattet sein muss. Die Qualität für künstlerische Spielräume muss spürbar steigen«, hatte Bauer betont.

Kosky ist »Regisseur des Jahres«

Zur »Aufführung des Jahres« kürten die Kritiker der »Opernwelt« Karlheinz Stockhausens »Donnerstag aus Licht« am Theater Basel. Die erste Neuproduktion des Werks seit drei Jahrzehnten unter der musikalischen Leitung von Titus Engel und in der Regie von Lydia Steier habe den Gedankenkosmos des Werks überzeugend mit Motiven aus der Nachkriegsgeschichte und der Lebenswelt Stockhausens verknüpft.
»Regisseur des Jahres« ist Barrie Kosky – allerdings nicht für eine Inszenierung an der Komischen Oper Berlin, wo er Intendant ist, sondern für seinen Zürcher »Macbeth«. Wesentlich zum Erfolg habe der für seine zuweilen extremen musikalischen Interpretationen gefeierte Teodor Currentzis beigetragen, der damit »Dirigent des Jahres« wurde.


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