27. September 2017, 18:34 Uhr

Von Venedig in die Schweiz

27. September 2017, 18:34 Uhr
Donna Leon

Donna Leon ist im Gespräch wie ein lebendiges Buch. Mal hält sie die Finger wie Zangen an die Schläfen und imitiert damit eine Zecke, um zu unterstreichen, wie angstbesessen Amerikaner sind. Oder sie macht vor, wie sie sich aus Frust über die Nachrichten nach dem Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump das Online-Zeitunglesen abgewöhnte: Sie reißt die Augen auf und stöhnt mit tiefer Stimme: »Cooooold Turkey« – kalter Entzug. Eigentlich dreht sich bei der Bestsellerautorin nichts um die USA und alles um Venedig. Dort war sie jahrzehntelang zu Hause, dort deckt ihr feinfühliger, belesener Commissario Brunetti trotz Korruption und Sumpf Verbrechen auf. Der 26. Fall kam im Frühjahr raus (»Stille Wasser«). Heute wird Donna Leon 75 Jahre alt. Es werde ein Tag wie jeder andere, sagt die Autorin, die und mit viel trockenem Humor durchs Leben geht: »Ich bin nicht der Feiertyp.«

Wer bei Krimis am Ende die Bösen überführt und hinter Gitter sehen möchte, ist falsch bei ihr. »Mich interessiert weniger das ›wer‹ als das ›warum‹, ich will wissen, was jemanden zu der Tat getrieben hat«, sagt die Autorin. So endet nicht jeder Brunetti mit einem überführten Mörder, und manchmal ist am Ende nicht mal ganz klar, ob es überhaupt einen Mord gab. Vielmehr spürt Leon menschlichen Irrungen, gesellschaftlichen Zwängen, politischen Machenschaften nach und zeichnet so ein filigranes Porträt der Lagunenstadt. Die deutschen Verfilmungen sind ein Hit, auch wenn die literarischen Feinheiten dabei auf der Strecke bleiben. Leon hat nur zwei davon angeschaut.

Ihr geliebtes Venedig. Nach Italien kam sie als Studentin, hier unterrichtete sie als Literaturwissenschaftlerin englische Literatur. Dann flüchtete sie vor den Touristen. »Die Stadt ist dazu verdammt, noch kitschiger, geschmackloser und hässlicher zu werden«, sagt sie und geißelt »die fahrbaren Stände mit dem blödesten Touristenkitsch«. Leon lebt seit Jahren in einem Dorf in Graubünden in der Schweiz, nahe der italienischen Grenze. »Bald kann ich einen Pass beantragen«, sagt Leon. »Ich mag die Vorstellung, Europäerin zu sein.«

Dort schreibt sie ohne komplizierte Rituale und wenn es sein muss auch unterwegs: »Eine glatte Oberfläche, auf die ich den Laptop stellen kann, das reicht mir.« Ihre Leidenschaft für Barockmusik treibt sie um die Welt, etwa mit dem 2012 gegründeten Barock-Ensemble Il Pomo d’Oro, das sie fördert.

Leon wuchs in den USA mit einem Bruder auf, in einer fröhlichen Familie, wie sie sagt, die auch Vorbild für Brunettis Familie war. Ihre Großmütter stammten aus Irland, ein Großvater aus Spanien und einer aus Nürnberg. »Etwas Deutsches ist an mir nicht dran«, sagt sie. Der Brunetti 2018 ist schon fertig. »Es geht um Gier und Bosheit, ganz klassisch, zurück zu den Krimi-Standards«, sagt sie. Der englische Titel: »The Temptation of Forgiveness« heißt übersetzt »Die Versuchung des Vergebens«.

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