31. Oktober 2018, 18:43 Uhr

Unterm Brennglas

Dietmar Bär ist Schauspieler. Das vergesse man leicht, scherzt er. Keiner sage mehr Schauspieler zu ihm, alle nennen ihn nur noch »Tatort«-Kommissar«. Kein Wunder. Schließlich ermittelt der 57-jährige Dortmunder seit über 20 Jahren als Freddy Schenk beim Kölner »Tatort«. Warum Bär für die Uraufführung »Furor« in Frankfurt die heiß geliebten Cowboystiefel von Freddy im Schrank stehen lässt und stattdessen in die Rolle des Lokalpolitikers Heiko Braubach schlüpft, erklärt er im Interview.
31. Oktober 2018, 18:43 Uhr
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Von Bettina Boyens
Hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg: Dietmär Bär steigt in Frankfurt als Lokalpolitiker in den Ring. (Foto: Michael Faust)

Die Rolle von Heiko Braubach scheint Ihnen auf den Leib geschrieben zu sein.

Dietmar Bär : »Lutz Hübner wusste, dass ich diese Rolle spielen würde. Die ist mir schon sehr nah. Aber mir würden auf Anhieb noch zwei, drei andere Schauspieler einfallen, die Heiko Braubach spielen könnten. Jedenfalls finde ich es spannend, zum ersten Mal in einer Uraufführung mitwirken zu können.

Bei Ihrer 40-jährigen Karriere kann man das kaum glauben.

Bär: Nein, tatsächlich kommt das bei mir nicht so oft vor. Katharina Linder, Anselm Weber und das Autorenduo arbeiten dagegen schon viele Jahre miteinander.

Als Schüler waren Sie Kommunist. Glauben Sie, dass der 56-jährige Braubach in seiner Jugend auch mal weit links stand?

Bär: Sie meinen sicher meine Zeit in der SDAJ, der Jugendorganisation der DKP? 1980/81 hatte das noch ganze andere Vorzeichen in unserem Land. Den Bogen zu meiner Figur Heiko Braubach zu ziehen, ist da heikel. Man kann bei ihm von einem ganz normalen sozialdemokratischen Hintergrund ausgehen, denn er vertritt die Linie: »Mach was aus deinem Leben« und »Bildung ist das Wichtigste«. Mit der Prämisse bin ja auch ich zum Abiturienten geworden. Ich komme auch aus den berühmten »einfachen Verhältnissen«, wie es so schön heißt.

Wenn Sie Charakterzüge für Heiko Braubach in sich selbst generieren, denken Sie da manchmal an die Zeit, als Sie Flugblätter verteilten?

Bär: Nein, gar nicht. Da bin ich jetzt beruflich auf einem ganz anderen Äther. Ich beiß mich im Text fest und suche mir die Landkarte für den Theaterabend zusammen. Merkwürdig: Ich kann immer ganz schwer über die Erarbeitung meiner Rollen reden. Kein Klempner wird gefragt: Wie installieren Sie den hier eigentlich dieses Waschbecken?

Wie ist es, mit dem Autorenduo Lutz Hübner und Sarah Nemitz zu arbeiten? Können Sie da was wünschen oder verändern?

Bär: Lutz Hübner und Sarah Nemitz kommen traditionell immer zur ersten Leseprobe. Gestern hatten wir unseren ersten Durchlauf, und Lutz Hübner hat sich angeschaut, wie die Figuren anfangen zu laufen und zu sprechen. Natürlich kann ich dann sagen: »Ich merke hier beim Spielen: Das spricht sich nicht so gut.« Dann reagiert er darauf und schmeißt schon mal Sätze raus. Für Katharina Linder (in ihrer Rolle als Mutter) hat er was dazugeschrieben.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit Anselm Weber so sehr, dass Sie immer wieder mit ihm arbeiten?

Bär: Er geht unheimlich genau mit den Schauspielern in die Texte. Er kann Figuren bauen, die wir gemeinsam erschaffen. Er zeigt mir den Lebensfaden der Rolle vom ersten bis zum letzten Bild. Jede Figur ist auf einer anderen Achterbahn in dem Stück. Wir arbeiten gemeinsam immer unterm Brennglas. Diese Präzision liebe ich.

Finden Sie das Thema »Wutbürger trifft auf Politiker« wichtig?

Bär: Vor zweieinhalb Jahren haben Lutz Hübner und Anselm Weber angefangen, das Projekt aufzusetzen, und mittlerweile rennt einem schon die Aktualität davon.

Die Äußerungen von Jerome klingen gebildet. Er redet über weichgespülte Humanisten, dabei soll er ein schlichter Paketbote sein?

Bär: Das heißt ja nicht, dass er blöd geblieben ist, dass er sich nie politisch engagiert hat. Da muss man aufpassen: Nicht nur Abiturienten dürfen so reden.

Ist es realistisch, dass er weiß, dass immer noch Blumen auf das Grab der Rathenau-Attentäters gelegt werden?

Bär: Das kann ich ihm schon zugestehen. Diese Typen sitzen ja nicht alle immer nur vor Videospielen oder hinter ihren Bierdosen. Jerome ist eine unheimlich moralische Figur. Er hat das Messer bereits in der Hand, aber er sticht letztendlich nicht zu, er schafft es nicht.

Sie als Borussia-Fan: Wie finden Sie Peter Fischers Aussage, dass kein Platz bei der Eintracht für AfD-Mitglieder ist?

Bär: Man muss mit dem Ausgrenzen der AfD schwer aufpassen. Die nehmen sonst die Opferstühle ein. Vielmehr sollte man sie in die Verantwortung nehmen. Da würde man schnell sehen, dass da nichts mehr kommt. Die können ja nur keifen, sonst nichts.



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