17. Februar 2017, 18:38 Uhr

Unterhaltung mit Haltung

17. Februar 2017, 18:38 Uhr

Die Jury hat das letzte Wort. Heute Abend verleiht sie den Goldenen und die Silbernen Bären der 67. Berlinale. Mit dem Flüchtlingsdrama »Die andere Seite der Hoffnung« von Aki Kaurismäki (Finnland), dem Öko-Thriller »Pokot« von Agnieszka Holland (Polen) und der Liebesgeschichte »Körper und Seele« von Ildikó Enyedi (Ungarn) gibt es zwar eindeutige Favoriten bei Kritikern und Zuschauern. Berlinale-Jurys sind aber traditionell unberechenbar und immer für eine Überraschung gut.

Wer am Ende den begehrten Goldbär für den besten Spielfilm und die weiteren Preise gewinnt, entscheiden Jury-Präsident Paul Verhoeven (»Elle«, »Basic Instinct«) und seine sechs Mitstreiter. Darunter sind auch die deutsche Schauspielerin Julia Jentsch (»24 Wochen«), der isländische Künstler Olafur Eliasson und US-Star Maggie Gyllenhaal (»White House Down«).

Eher wenig Chancen haben die drei deutschen Wettbewerbsteilnehmer: Zu sperrig war Thomas Arslans Vater-Sohn-Drama »Helle Nächte«. Zu sehr geriet Andres Veiels »Beuys«-Doku zu einer Heldenverehrung für den Künstler Joseph Beuys. Und zu wenig nahm das Publikum dem Liebespaar in Volker Schlöndorffs »Rückkehr nach Montauk« die Leidenschaft ab.

Eine erste Festivalbilanz lässt sich bereits vor der großen Bären-Gala ziehen. »Unterhaltung mit Haltung« hatte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick angekündigt. Und tatsächlich lösten einige Wettbewerbsfilme dieses Versprechen ein – auch wenn die ganz großen Filmperlen fehlten. Scheinbar kleine, private Geschichten weiteten sich zu differenzierten, oft humorvollen Gesellschaftsbildern. Vielfach schimmerte dabei die Sorge der Künstler durch, dass sich in der bürgerlichen Gesellschaft mehr und mehr reaktionäre Geisteshaltungen Raum erobern.

Hohe Star-Dichte

Trotz der ernsten Themen kam das Lachen selten zu kurz. Das beste Beispiel sind die Bären-Favoriten. Kaurismäki erzählt in seinem typischen absurden Retro- und Slapstickstil von der Begegnung zwischen einem syrischen Flüchtling und einem Restaurantbesitzer in Helsinki. Polens Altmeisterin Holland verwickelt in »Pokot« eine alte, energische Dame in einen feministischen Öko-Thriller. Die zarte Liebesgeschichte in Enyedis »Körper und Seele« spielt vor dem blutigem Alltag in einem Schlachthof.

Die Star-Dichte der Berlinale war wie versprochen hoch: Richard Gere wetterte gegen US-Präsident Donald Trump. »Twilight«-Star Robert Pattinson verblüffte mit modischer Eigenwilligkeit und nahm sich viel Zeit für die teils von weither angereisten Fans. Nina Hoss war im Kuschelmantel als eine der wenigen Schauspielerinnen warm genug für den kalten roten Teppich vor dem Berlinale-Palast angezogen. Die französische Diva Catherine Deneuve verzauberte bei ihren Auftritten mit größter Eleganz. Nur Spaniens Superstar Penélope Cruz und Hollywoodschauspieler Ethan Hawke ließen sich entschuldigen – wegen kurzfristig anberaumter Dreharbeiten.

Als letzter schickte gestern der rumänische Regisseur Calin Peter Netzer sein Liebesdrama »Ana, mon amour« ins Rennen. Netzer, der 2013 mit »Mutter & Sohn« den Goldenen Bären holte, taucht mit seiner tragischen Beziehungsgeschichte wieder tief in die Probleme der rumänischen Gesellschaft hinein. Doch nur einer der 18 Wettbewerbsfilme kann den Goldenen Bären gewinnen.

Die von Anke Engelke moderierte Bären-Verleihung wird vom Sender 3sat heute ab 19 Uhr live übertragen. Am Sonntag geht das Festival dann mit dem Berlinale-Kinotag zu Ende, an dem für die Filmfans noch einmal die Highlights gezeigt werden.

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