10. Mai 2017, 20:18 Uhr

Überraschungen in Cannes

10. Mai 2017, 20:18 Uhr
Avatar_neutral
Von DPA

Vielleicht kann Fatih Akin in diesem Jahr den Bann brechen. Mehr als drei Jahrzehnte ist es her, dass ein deutscher Regisseur den Hauptpreis in Cannes gewonnen hat. Nun hat es Akin in den Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals geschafft – und tritt dort unter anderem gegen Michael Haneke an. Überhaupt waren selten zuvor so viele deutschsprachige Filmemacher in Südfrankreich vertreten: Nach ihrem Erfolg mit »Toni Erdmann« im vergangenen Jahr gehört jetzt auch Maren Ade zur Wettbewerbsjury unter Vorsitz von Pedro Almodóvar. Und Valeska Grisebach schaffte es mit einem von Ade mitproduzierten Film in eine bedeutende Nebenreihe.

Den Auftakt macht am nächsten Mittwoch aber erst einmal das französische Liebesdrama »Les Fantômes d’Ismaël« mit Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg. In den folgenden Tagen steht dem Filmfest dann ein Spagat bevor: Einerseits ist es die 70. Ausgabe, das wird natürlich mit zahlreichen Stars gefeiert. Nicole Kidman scheint mit vier Projekten omnipräsent, außerdem stehen Robert Pattinson, Kirsten Dunst, Julianne Moore, Jake Gyllenhaal, Kristen Stewart, Colin Farrell, Joaquin Phoenix, Vanessa Redgrave und Roman Polanski auf der Gästeliste.

Andererseits lässt sich bei all dem Glamour und der Feierlaune am Prachtboulevard der Croisette auch die aktuelle politische Wirklichkeit nicht ausblenden. Schon in den vergangenen Jahren waren die Sicherheitsvorkehrungen vor den Kinos erhöht worden. Das dürfte sich nun, nachdem Frankreich in den vergangenen Monaten Terroranschläge erlebte, weiter verschärfen.

Serien in Sondervorführungen

Doch auch in den Kinos stehen bis zum 28. Mai auffallend häufig politische Themen an: Der Österreicher Haneke, der als erster drei Goldene Palmen gewinnen könnte, erzählt in »Happy End« eine Geschichte vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise. In »Aus dem Nichts« von Fatih Akin verliert Diane Kruger bei einem Anschlag ihre Familie – verdächtigt werden Neonazis. Der Ungar Kornél Mundruczó fokussiert in »Jupiter’s Moon« auf das Leid eines illegalen Einwanderers, während außerhalb des Wettbewerbs Dokumentationen über Al Gores Kampf gegen den Klimawandel und Claude Lanzmanns Blick auf Nordkorea hinzukommen.

»Nicht das Festival ist politisch, sondern die Filmemacher«, betonte Leiter Thierry Frémaux bei der Vorstellung des Programms. Dennoch macht die diesjährige Auswahl auch klar, dass das Festival nicht nur auf bekannte Namen setzen kann, sondern offen für Trends und Neues sein muss. So gehören zu den 19 Beiträgen im Wettbewerb zwar Werke etablierter Regisseure wie Haneke, François Ozon, Todd Haynes und Sofia Coppola – eine von drei Frauen. Doch es gibt auch unbekanntere Gesichter wie den in Berlin lebenden Ukrainer Sergei Loznitsa und die US-Brüder Benny und Josh Safdie, die Robert Pattinson als Bankräuber zeigen.

Die größten Überraschungen aber betreffen die Produktionsfirmen und Formate. So zeigt Cannes zum ersten Mal in der 70-jährigen Geschichte zwei Serien in Sondervorführungen: Teile der zweiten Staffel von »Top of the Lake« der Oscar-Preisträgerin Jane Campion sowie David Lynchs Fortsetzung der bahnbrechenden Serie »Twin Peaks«, die zu Beginn der 90er Jahre ein Meilenstein in der TV-Unterhaltung war.

Noch bemerkenswerter ist allerdings, dass im Wettbewerb große Hollywoodstudios wie Sony, Warner und Fox fehlen. Stattdessen ist der Streamingdienst Netflix gleich mit zwei Produktionen im Palmenrennen vertreten.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos