26. Mai 2017, 18:26 Uhr

Überall Giftcocktails

Was als lockerer Plausch an der Bar beginnt, endet mit beiläufig ausgewählten Mordzielen und einer toten Barkeeperin. Wallace Shawns »Evening at the Talk House« gelingt im Schauspiel Frankfurt als exquisites Schauspieler-Theater, das mit seinem lakonischem Plauderton das unterschwellige Grauen nicht übertünchen kann und will.
26. Mai 2017, 18:26 Uhr
Von wegen gute alte Zeiten: In der Stammkneipe, dem »Talk House«, wird gleich ein Mord geschehen. (Foto: Birgit Hupfeld)

Richtig fies, wie dieser Abend in den Frankfurter Kammerspielen im Laufe von 90 Minuten ins Schwarzhumorige abdriftet. Wie das anfangs so lässige Boulevardstück, in dem das Theater gleichgeschalteten Fernsehserien weichen muss und sich normale Bürger an der Tötung boshafter Menschen beteiligen, Fahrt aufnimmt. Dabei beginnt alles so harmlos. Der erfolgreiche Autor Robert und seine einstige Theatertruppe treffen sich nach zehn Jahren anlässlich des Jubiläums seines letzten Stücks in ihrer alten Stammkneipe wieder, dem »Talk House«. Die wird von der urigen Nellie alias Josefin Platt geführt und hat schon bessere Tage gesehen. Angelaufene Spiegel, wenig Alkohol im Angebot und abgewetztes Chesterfield-Leder künden davon (Bühne: Volker Hintermeier). Robert, dem Tilo Nest den Charme eines weltläufigen Zynikers verleiht, freut sich auf die erfolglose Jane, mit der er mal was hatte, die einstige Garderobiere Annette, auf Bill, den Produzenten, auf Musiker Ted und Schauspieler Tom.

Anfangs scheinen sich alle in die guten alten Zeiten zurückzuträumen, in der das Theater noch nicht »im Niedergang« begriffen und »die Kritiker alle Idioten« waren. Bis plötzlich der blutende, verwahrloste Dick, einst ein berühmter Darsteller, hereinstolpert, mit dem keiner mehr gerechnet hat. Der früher allseits beliebte Dandy hatte handfesten Stress mit Freunden, wird von Nellie im »Talk House« versteckt und versteht die Welt nicht mehr: »Ich habe mich nicht verändert, alles andere hat sich verändert.«

Überragende Schauspieler

Jetzt fallen seltsame Sätze. Es wird klar, dass ein autokratisches Regime in den USA Todeslisten erstellt, für das mehrere der Künstler arbeiten. Sie wählen Menschen in Amerika und im Rest der Welt aus, die als Bedrohung eingestuft werden; »Targetting« heißt das. Mit Giftnadeln, Arsenkugeln oder Drohnen ermorden sie gefährliche »Individuen«. Am Ende ist die handfeste Nellie tot, während alle verdattert in ihre Drinks starren.

Regisseurin Johanna Wehner versteht es meisterhaft, die passgenauen Psychogramme der überragenden Schauspieler auszustellen: Constanze Beckers banale Annette, Sina Martens unsichere Putzfimmel-Jane, Wolfgang Michaels selbstgefälligen Tom und Martin Rentzschs einsamen Dick. Viel Applaus für das ganze Team, einschließlich des extra angereisten Autors.

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