Kultur

Titanen unter sich

Rachmaninows drittes Klavierkonzert und Mahlers erste Sinfonie: Schon das Programm weckte in der Alten Oper höchste Erwartungen. Wie spektakulär Daniil Trifonov das gefürchtete »Elefantenkonzert« bezwang und Valery Gergiev Mahlers titanischen Erstling, riss die Zuschauer schon vor der Pause von den Sitzen.
21. Februar 2017, 19:18 Uhr
Bettina Boyens
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Bisweilen kann man Angst bekommen um diesen rätselhaften, russischen Pianisten Daniil Trifonov. Nicht nur, dass der 26-Jährige mit dem zappeligen Rasputin-Haarschnitt zurzeit an mindestens 100 Abenden pro Jahr auf dem ganzen Globus konzertiert, nein, es ist seine totale physische und psychische Verausgabung bei jedem seiner Auftritte, die zu denken gibt. Auch diesmal schien er in der restlos ausverkauften Alten Oper Frankfurt leicht hin- und herzuschwanken nach den wüsten Akkordkaskaden des d-Moll-Konzerts von Sergej Rachmaninow.

Nun ist »Rach3« für alle Pianisten so etwas wie eine Mount-Everest-Besteigung und nur wenige bewältigen die virtuosen Ansprüche, die mit zum Schwersten gehören, was jemals für Klavier geschrieben wurde, derart souverän wie Trifonov. Nicht umsonst nannte Arthur Rubinstein das gut 45-minütige Werk wegen seiner titanischen Anforderungen »Elefantenkonzert«, ließ sich der australische Pianist David Helfgott anschließend in eine Nervenklinik einweisen und streckte Widmungsträger Józef Hofmann vor der Uraufführung 1909 gleich komplett die Waffen. Mehr noch: Trifonov spielte nicht die leichtere Variante der großen Kopfsatz-Kadenz, wie Rachmaninow selbst und sein legendärer Freund Vladimir Horowitz, nein, er wuchtete die selten gespielte, auftrumpfende Erstvariante ins paralysierte Halbrund und zeigte dabei selbstbewussten Alleingang. Während andere Virtuosen die Kadenz zirzensisch abfackeln, nahm sich der junge, blasse Trifonov alle Zeit der Welt und zwang damit seine Zuhörer, Struktur, Rhythmus und Klarheit von Rachmaninows Musik zu würdigen.

Nun hatte Trifonov mit Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern sensible Begleiter zur Hand, die ihm jeden Freiheitsdrang bei der Tempowahl durchgehen ließen. Besonders eindrücklich gelang das eröffnende Oboensolo im langsamen Satz, in dem auch die tief wogenden Streicher sehnsüchtige Akzente setzten. Dabei ging Rachmaninow-Bewunderer Trifonov nie dem spätromantischen Zuckerguss auf den Leim. Immer klar, ganz dem Publikum zugewandt, stürzte er sich nach dem kantablen Adagio in einen überschäumenden Schlusstaumel, der magisch aufs Publikum übersprang. Für die stehenden Ovationen bedankte sich der schweißgebadete Tastenzauberer dann mit der kindlich verspielten fünften Fuge in D-Dur aus den 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitri Schostakowitsch.

Frenetischer Applaus

Kaum waren die Gemüter in der Pause abgekühlt, erhob sich der zweite Konzertkoloss aus dem nebligen Urdunst, Gustav Mahlers »Titan«. Im Vergleich zur Alten-Oper-Sternstunde mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle war die Leistung des Münchners Spitzenorchesters nicht auf gleicher Höhe, was vor allem dem nachlässigen Dirigat des russischen Chefdirigenten anzulasten ist. Dass neben dirigentischen Unklarheiten an markanten Stellen auch noch unschöne Hornwackler hinzukamen, war zumindest irritierend. Wäre ihm nicht der stürmisch bewegte vierte Satz glänzend gelungen, man hätte von einem künstlerischen Abfall des Konzertabends sprechen müssen. So aber gab es auch für die Münchner Gäste und ihren Moskauer Pultmeister am Ende verdienten, frenetischen Applaus.

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