06. Oktober 2017, 20:23 Uhr

Täuschend echte Illusion Ulrike Folkerts spielt in Mannheim Theater Bayerischer Rundfunk will Filme vor Verfall retten Achenbach hofft auf Haftentlassung Roter Teppich für Literatur-Stars Nächste documenta für 2022 geplant Bauernkriegsbild vor 30 Jahren b

06. Oktober 2017, 20:23 Uhr
»Bête noir«: Diorama des zeitgenössischen Künstlers Kent Monkman. (Foto: Museum)

In einer mit Torf gefüllten großen Glasvitrine hat Mathieu Mercier in einem kleinen Aquarium zwei lebende Axolotls platziert. Der mit Lungen und Kiemen ausgestattete Fisch kann sich selbst regenerieren, wenn seine Gliedmaßen abgetrennt werden. Und er kann sogar in einer Art Metamorphose von einer larvenähnlichen Lebensform in ein terrestrisches Stadium übergehen.

In der Frankfurter Schirn zeigt das Werk des französischen Künstlers, wie austauschbar Reales und Abstraktes sind. Ähnlich verhält es sich mit dem Diorama: Der Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Schaukasten sollte mit speziellen Beleuchtungseffekten auf einer Leinwand bewusst eine Illusion der realen Welt erzeugen. In einer großen Ausstellung geht die Kunsthalle bis 21. Januar 2018 nun der Kulturgeschichte dieser ungewöhnlichen Sichtweise nach.

Entwickelt hat das Diorama der französische Maler und Wegbereiter der Fotografie, Louis Daguerre (1787–1851). In seiner ersten Schaubühne, die unter anderem mit Landschaftspanoramen zu Reisen in exotische Länder einlud, standen 1822 die Pariser Schlange.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entdeckten die naturkundlichen Museen das Diorama. Gezeigt wurden ausgestopfte und präparierte Tiere, die täuschend echt sein und zugleich große Dramatik erzeugen sollten. Völkerkundemuseen inszenierten dann im Zeitalter des Imperialismus hinter Vitrinen lebensgroße Wachsfiguren der Kolonialisierten in deren traditioneller Kleidung. »Das Diorama wirft grundsätzliche Fragen von Wahrnehmung und Authentizität auf«, erklärt Schirn-Direktor Philipp Demandt. Der Blick auf das Fremde wurde zum besonderen Kennzeichen. Das wirft gerade für die Zeit des Kolonialismus, der in den Dioramen den westlich überlegenen Blick auf andere Kulturen zeigt, kritische Fragen auf. Um die Aufarbeitung des kolonialen Erbes ist in der Kunstgeschichte eine Debatte entbrannt.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts galten Dioramen immer mehr als veraltet und überholte Darstellungsform. Sie verschwanden langsam aus den Museen und wurden durch moderne Angebote ersetzt.

Zeitgenössische Künstler wie Mathieu Mercier, Mark Dion oder Kent Monkman haben Dioramen wieder als gesellschaftskritisches Instrument entdeckt. Der Kanadier Jeff Wall inszeniert seine berühmten Fotos stets in Leuchtkästen.

Die Ausstellung wurde von der Schirn gemeinsam mit dem Palais de Tokyo in Paris entwickelt. Dort wurde die Schau auch zuerst gezeigt. Nicht möglich wäre dies ohne großzügige Unterstützung privater Leihgeber gewesen. Diese haben die oft in Vergessenheit geratenen Dioramen gesammelt.

Schauspielerin Ulrike Folkerts (56) sieht ihre aktuelle Theaterarbeit in Mannheim als sinnvolle Ergänzung ihrer TV-Rolle als »Tatort«-Kommissarin Lena Odenthal. »Auf der Bühne bin ich herausgefordert, mehr zu können als ich bisher konnte«, sagte die Darstellerin. Theater sei ein gutes Training. »Auch Schauspieler müssen immer weiter an sich arbeiten.«

Folkerts steht ab heute im Stück »Für immer schön« im Mannheimer Nationaltheater auf der Bühne. Im Werk von Noah Haidle (USA) spielt sie eine in die Jahre gekommene Kosmetikverkäuferin. Die Inszenierung von Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski sei vielschichtig und biete eine große Palette an Spielmöglichkeiten, sagte Folkerts.

Der Bayerische Rundfunk (BR) will in den kommenden zehn Jahren mehr als 50 000 Filme restaurieren und digitalisieren. Spielfilme, Berichte, Reportagen und Features sollen so vor dem Zerfall gerettet werden, wie der Sender gestern in München mitteilte. Die meisten Werke seien aus der Zeit der späten 1950er bis in die 90er Jahre. Den älteren Filmrollen drohe die Zersetzung durch das sogenannte Essigsäure-Syndrom, hervorgerufen durch chemische Reaktionen. Das Großprojekt »Bestandssicherung Film« soll im Januar 2018 starten; es sei die bisher aufwendigste Digitalisierungsaktion in der Geschichte der Rundfunkanstalt, hieß es. Die Gesamtkosten werden auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Der einstige Kunstberater Helge Achenbach (65) will früher aus dem Gefängnis kommen. Achenbach habe einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung zum 8. Dezember gestellt, sagte gestern ein Sprecher der Essener Staatsanwaltschaft. Schon seit gut einem Jahr ist Achenbach im offenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt in Moers-Kapellen. Über eine vorzeitige Entlassung entscheidet das Landgericht Kleve. Wie lange die Prüfung dauern werde, teilten die Justizbehörden nicht mit.

Achenbach war im März 2015 vom Landgericht Essen wegen Millionenbetrugs an reichen Kunden zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Er saß bereits seit Juni 2014 in Untersuchungshaft. Demnach hätte er im Sommer 2018 zwei Drittel der Gesamtstrafe verbüßt. In der Regel wird dann geprüft, ob der Rest der Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Juergen Boos, langjähriger Chef der Frankfurter Buchmesse, hat einen Traum: So wie auf der Berlinale alljährlich den Filmstars im Februar der rote Teppich ausgerollt wird, so sollte Frankfurt dann im Oktober die Großen der Literaturszene feiern. Boos will die weltweit wichtigste Leitmesse der Branche (Eröffnung am 10. Oktober) fürs lesende Publikum attraktiver machen. Das hat immer erst nach den Fachbesuchern an den letzten beiden Tagen Zugang.

Dieses Jahr wird nun Dan Brown, der mit seinen Büchern zu den Megasellern im globalen Markt gehört, am Messe-Samstag vor 2000 Leuten seinen neuen Thriller vorstellen. »Wir wollen das in den nächsten Jahren massiv ausbauen«, kommentiert Boos den einzigen Auftritt Browns in Deutschland, den die Messe zusammen mit dessen deutschem Verlag organisiert.

Dass die Messe so stark um den Leser buhlt, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen rückt das alte Kerngeschäft wieder in den Vordergrund, da sich der digitale Hype ums E-Book im Buchgeschäft inzwischen gelegt hat. Der Umsatzanteil von E-Books in Deutschland liegt gerade mal bei etwas mehr als fünf Prozent – im vergangenen Jahr war die Zahl der Käufer von digitalen Büchern sogar erstmals wieder rückläufig. »Auch nach 500 Jahren bleibt das Buch eine geniale und ausgereifte Innovation«, sagt Ronald Schild von der MVB, der für die Umsetzung der Digitalisierung zuständigen Tochter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er hatte dem E-Book vor einigen Jahren selbst eine weit schnellere Entwicklung zugetraut, wie er einräumt.

In Deutschland wird außerdem der direkte Kontakt zum Leser immer wichtiger. »Der Autor verlangt immer mehr, dass er auch sein Publikum trifft«, glaubt Boos. Sogar Kleinstädte organisieren heute Literaturfestivals. Zugleich sind die lit.Cologne oder das Berliner Literaturfest zu hochkarätig besetzten Veranstaltungen mit Weltstars der Szene geworden, zu denen Zehntausende Besucher kommen. Das setzt die Buchmesse unter Druck. Boos sieht sich zwar nicht in Konkurrenz zu anderen Festivals. Die Messe müsse aber gemeinsam mit den Verlagen auf die neue Situation reagieren.

Rund 1000 Autoren und schreibende Prominente kommen dieses Jahr wieder auf die Messe. Neben Brown gehören dazu unter anderem Margaret Atwood, Ken Follett, Paula Hawkins, Sebastian Fitzek sowie Michel Houellebecq und Yasmina Reza aus Frankreich. Fast 200 Schriftsteller aus der gesamten frankophonen Welt sind vertreten. Der Ehrengast hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den gesamten französischsprachigen Sprachraum abzubilden bis nach Afrika oder Haiti.

Von dieser Vielfalt kann die Messe nur profitieren – genauso wie von der bereits im vergangenen Jahr wieder spürbar stärker gewordenen politischen Agenda. So soll das Thema Meinungsfreiheit – zum Beispiel in der Türkei – erneut einen Schwerpunkt auf der Messe bilden.

Für die erwarteten 7000 Aussteller aus rund 100 Ländern steht aber wie immer das Geschäft im Vordergrund – mit der Digitalisierung weiter im Fokus. Frankfurt ist auch weltweit der wichtigste Handelsort für Buchlizenzen. In dem eigens für Literaturagenten reservierten Zentrum wurden 500 Tische verkauft – ein Rekord. Diese führende Stellung will die Messe unter Beweis stellen: Für den Eröffnungstag hat man als Redner den Chef von Penguin Random House, Markus Dohle, verpflichtet. Der weltweit führende Verlagskonzern gehört mehrheitlich zum Bertelsmann-Konzern. Auch die im vergangenen Jahr begonnene Zusammenarbeit mit den Bereichen Kunst, Design und Mode will die Messe fortsetzen. Unter dem Motto »The Arts+« will dort das Künstlerkollektiv robolab vom ZKM Karlsruhe seinen Roboter »manifest« präsentieren.

Am nächsten Wochenende stürmt dann das Lesepublikum die Messe: Der Vorverkauf ist so gut angelaufen, dass mit einer Steigerung der Besucherzahlen gerechnet wird. Das Kalkül der Messe, mehr Publikum zu gewinnen, könnte also aufgehen. Allerdings bleibt die Frage, wie die zusätzlichen Besucherströme kanalisiert werden sollen. Schon jetzt ist am Wochenende in einigen Hallen und an Rolltreppen oft kein Durchkommen mehr.

Trotz der finanziellen Schieflage der documenta in Kassel werden noch Ende dieses Jahres die Vorbereitungen für die nächste Kunstausstellung beginnen. »Die documenta 15 wird 2022 stattfinden«, sagte Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) gestern der Deutschen Presse-Agentur. Gerüchte über eine Verschiebung dementierte er. Die weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Kassel wird zum Jahresende voraussichtlich ein bilanzielles Defizit von 5,4 Millionen Euro einfahren.

Die Stadt Kassel und das Land Hessen als Gesellschafter der documenta gGmbH müssten sich dieses dann teilen. »Die steuerlichen Erträge sind so gut, dass wir das verkraften können«, sagt Geselle für die Stadt. Kassel erwartet 2017 einen Überschuss von 13,3 Millionen Euro.

Fast zwölf Jahre arbeitete der Leipziger Maler Werner Tübke (1929–2004) am Bauernkriegspanorama im thüringischen Bad Frankenhausen. Vor 30 Jahren, am 16. Oktober 1987, setzte er unter das 14 mal 123 Meter große Rundgemälde seine Schlusssignatur. Etwa 2,9 Millionen Besucher sahen bislang das monumentale Werk »Frühbürgerliche Revolution in Deutschland«.

Mit einer Museumsnacht am heutigen Samstag erinnert das Panorama Museum in Bad Frankenhausen an den letzten Pinselstrich Tübkes. Eröffnet wird die Ausstellung »Werner Tübkes Monumentalwerk. Das Abenteuer der Bilderfindung.« Sie zeigt den politischen, künstlerischen und technischen Entstehungsprozess des Bildes, das die DDR-Regierung 1976 in Auftrag gab. Das Museum steht auf dem Schlachtenberg, wo im Mai 1525 rund 6000 Aufständische unter Führung des Reformators Thomas Müntzer von fürstlichen Landsknechten niedergemetzelt wurden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bayerischer Rundfunk
  • Dan Brown
  • Documenta
  • Ken Follett
  • Kunsthalle Schirn
  • Louis Jacques Mandé Daguerre
  • Lunge
  • Margaret Eleanor Atwood
  • Messen
  • Michel Houellebecq
  • Random House
  • SPD
  • Sebastian Fitzek
  • Teppiche
  • Thomas Müntzer
  • Ulrike Folkerts
  • Werner Tübke
  • Yasmina Reza
  • eBooks
  • DPA
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos