19. Februar 2017, 21:27 Uhr

Symbolfigur einer Generation Liebesdrama im Schlachthaus Nicht nur sanft – Schweighöfers Premiere Furtwängler sucht neue Wege Regisseur Boyle: Erfolg ist schrecklich »Einheitsdenkmal kann 2019 stehen«

Ungarn holt nach mehr als vier Jahrzehnten wieder den Goldenen Bären. Bei der 67. Berlinale dürfen aber auch ein Österreicher und sein deutscher Regisseur jubeln. Und die Jury stärkt die Frauen in der Filmbranche.
19. Februar 2017, 21:27 Uhr
Kurt Cobain hat als Frontmann von Nirvana Musikgeschichte geschrieben. (Foto: dpa)

Wie Kurt Cobain wohl aussähe mit 50? Ergraut? Mit Bauch? Würde er Anzug tragen oder Karo-Hemd? Hätte die exzessive Drogensucht ihn noch weiter gezeichnet? Oder hätte er die Kurve nochmal gekriegt? Sein Nirvana-Bandkollege Krist Novoselic hat inzwischen Halbglatze, der Dritte im Bunde, Dave Grohl, hat sich dagegen zumindest optisch kaum verändert seit damals.

Welches Schicksal das Leben für Cobain noch bereitgehalten hätte, wird nach jenem schicksalhaften Tag im Jahr 1994 unbeantwortet bleiben. Heute wäre Cobain 50 Jahre alt geworden. Doch am 5. April 1994 erschoss er sich in seinem Anwesen in Seattle – wohl im Heroinrausch – mit einer Schrotflinte. »It‹s better to burn out than to fade away« (etwa: Es ist besser, auszubrennen, als zu verblassen) schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

»Es war eine pathetische Inszenierung«, sagt der Chefredakteur des deutschen »Rolling Stone«, Sebastian Zabel. Und es war ein Selbstmord mit Ansage. Gar nicht lange vor der Tat posiert Cobain mit einer Waffe im Mund, das letzte Nirvana-Album trug den Titel »I hate myself and want to die« (Ich hasse mich und will sterben).

Dazu getrieben hat ihn wohl neben seiner heftigen Heroinsucht auch eine tiefe Depression. Der spektakuläre Dokumentarfilm »Montage of Heck« (etwa: Collage aus der Hölle), den seine Tochter Frances Bean (die noch nicht zwei Jahre alt war, als ihr Vater sich in den Kopf schoss) produziert hat, gibt Einblick in die schwer verletzte Seele eines zwischen den geschiedenen Eltern hin und her geschobenen Jungen.

Mitte der 1980er beginnt Cobain, Musik zu machen – bald schon zusammen mit Novoselic. Im September 1991 erscheint das Album »Nevermind« mit der Hymne einer ganzen Generation: »Smells like teen spirit«. Es katapultiert die Band in Höhen, in denen zumindest Cobain sich nie wohl fühlt. Was Cobain zeigt, ist damals neu. Er macht Schluss mit Glamour und Macho-Gehabe, zwei der wesentlichen Merkmale des Rock-Zirkus‹ zu der Zeit. Es ist nicht nur die Grunge-Musik, eine Mischung als Punk und Garagen-Rock, die ihn zum Idol so vieler junger Leute macht, sondern auch er als Person.

Es ist eine zarte Liebesgeschichte – und sie bahnt sich am Rande des blutigen Gemetzels in einem Budapester Schlachthaus an. Ildikó Enyedis Drama »Körper und Seele« (»Teströl és lélekröl«) gewann am Samstagabend den Goldenen Bären der 67. Berlinale. Nach 42 Jahren ging der Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele damit wieder nach Ungarn. Die Jury stärkte mit ihrer Entscheidung auch die in der Filmwelt immer noch unterrepräsentierten Frauen. Den Goldenen Bären hatte zuletzt im Jahr 2009 eine Regisseurin gewonnen. Starke Frauen waren das Thema vieler Berlinale-Filme – das spiegelte sich auch in der Preis- vergabe.

Grund zur Freude hatte auch der Berliner Regisseur Thomas Arslan. Sein Hauptdarsteller Georg Friedrich aus dem Roadmovie »Helle Nächte« wurde mit dem Silbernen Bären als bester Schauspieler geehrt. Der 50-jährige Österreicher Friedrich (»Wild«, »Böse Zellen«) spielt in dem Vater-Sohn-Drama einen geschiedenen Vater, der wieder Nähe zu seinem 14-jährigen Sohn aufbauen will. Friedrich kam lässig mit Basecap auf die Bühne und klebte vor der Dankesrede erstmal seinen Kaugummi auf die Tatze seines Bären. »Ich wollte den Preis dadurch nicht schmälern, ich wollte mich eher mit ihm anfreunden«, meinte der Schauspieler später.

Die Trophäe als beste Schauspielerin nahm mit Tränen in den Augen die 34-jährige Südkoreanerin Kim Min-hee entgegen. Sie spielt in »On the Beach at Night Alone« (»Bamui haebyun-eoseo honja«) von Hong Sang-soo eine erfolgreiche Filmschauspielerin, die nach einer Affäre mit ihrem verheirateten Regisseur in eine Sinnkrise gerät und sich ins Privatleben zurückzieht.

Mit den Filmen der besten Darsteller hatte sich das Berlinale-Publikum eher schwer getan. Die Liebesgeschichte »Körper und Seele« lag in der Gunst der Zuschauer und Kritiker aber ganz vorne – ebenso wie Aki Kaurismäkis ebenfalls als großer Favorit gehandeltes Flüchtlingsdrama »Die andere Seite der Hoffnung«. Kaurismäki bekam dann immerhin den Preis für die beste Regie. Der etwas lädiert wirkende finnische Kult-Regisseur kam allerdings nicht auf die Bühne. »Wenn der Mann nicht zum Bären kommt, kommt der Bär zum Mann«, meinte Gala-Moderatorin Anke Engelke. Die zwei anderen deutschen Wettbewerbsbeiträge neben Arslans »Helle Nächte«, Volker Schlöndorffs »Rückkehr nach Montauk« und Andres Veiels Dokumentation »Beuys«, gingen bei der Preisverleihung leer aus.

»Ich möchte allen Filmemachern danken, dass sie versucht haben, in diesen zehn Tagen die Welt mit Poesie zu retten«, sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Gleichzeitig solidarisierte sich der Festivalchef mit dem in der Türkei in Polizeigewahrsam genommenen »Welt«-Korrespondenten Deniz Yücel. Er hoffe, dass Yücel bald wieder freigelassen werde, sagte Kosslick und reckte kämpferisch die Faust in die Luft.

Der Gewinnerfilm »Körper und Seele« fesselt als emotional reiche, völlig unsentimentale Studie über zwei schüchterne, von Handicaps geplagte Menschen. Sie gehen scheu aufeinander zu, entdecken langsam ihre Gefühle und damit sich selbst. Mária (bezwingend gespielt von Alexandra Borbély) ist eine junge Frau, die sich von Ängsten und Zwängen geplagt so unauffällig wie möglich durch den Alltag navigiert. Der schon etwas ältere Endre (Géza Morcsányi) hat einen lahmen Arm und die Liebe eigentlich schon abgeschrieben. Ungarn hatte den Gold-Bären zuletzt im Jahr 1975 mit Márta Mészáros‹ »Die Adoption« gewonnen.

Bei aller Poesie verliert der Film nicht den Blick für die Realität einer korrupten und kleingeistigen Gesellschaft. »Korruption ist allgegenwärtig. Diese kleine miese Bestechlichkeit eines Polizisten, das gab es schon immer«, sagt Ildikó Enyedi über ihr Heimatland. »Aber es geht weiter, und das macht Angst. Die Gesetze, die Regeln der Demokratie werden nicht einfach nur umgangen, sie werden zerstört. Es ist ein beängstigendes Land.«

Sehr verdient gewann der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis den Großen Preis der Jury für »Félicité». Sein im Kongo spielender Film erzählt von einer Bar-Sängerin, die verzweifelt versucht, Geld für die Operation ihres verunglückten Sohnes aufzutreiben – eine kluge Milieustudie mit einer kraftvollen Heldin.

Die polnische Altmeisterin Agnieszka Holland holte mit ihrem schrägen Öko-Feminismus-Thriller »Pokot« den Alfred-Bauer-Preis. Die Auszeichnung wird für einen Spielfilm vergeben, der neue Perspektiven eröffnet. »Wir leben in sehr schweren Zeiten«, sagte Holland. »Wir brauchen neue Perspektiven. Wir brauchen Filme, die mutig sind und die die Themen ansprechen, die für unseren Planeten wichtig sind.«

Der Mann kann nicht nur sanft und leise – Für sein erstes Konzert hat Matthias Schweighöfer viele Songs seines neuen Albums völlig neu verpackt. Rockig, mit kraftvollen Drums und mächtigen Streichern hat der Schauspieler »Lachen Weinen Tanzen« am Samstag in Berlin vorgestellt. Getragen wurde er vor allem von den 30 Musikern des Filmorchesters Babelsberg. Die geben dem eigentlich eher leisen, oft melancholischen und vielleicht etwas zu glatten Deutschpop-Album »Lachen Weinen Tanzen« einen mächtigen Klang – der auch kleine stimmliche Schwächen des Sängers vergessen macht. Ende des Jahres will Schweighöfer mit seiner Band bundesweit auf Tour gehen.

Die Schauspielerin und »Tatort«-Kommissarin Maria Furtwängler sucht auf der Bühne nach Herausforderungen. »Natürlich könnte ich immer gemütlich ›Tatort‹ machen«, sagte die 50-Jährige der »Bild am Sonntag«. »Aber ich suche neue Wege.« Furtwängler spielt in der Komödie »Alles muss glänzen« im Theater am Kurfürstendamm in Berlin die Hauptrolle. Premiere ist am 25. Februar.

»Bestimmt gibt es Menschen, die fragen: ›Warum setzen Sie sich einer unter Umständen harschen Kritik aus?‹« sagte sie über ihre Theaterrolle. Die Frage, ob sie es gut gemacht habe, interessiere sie aber immer weniger. »Das hat lange genug mein Leben begleitet, und langsam erschöpft sich das.«

Der britische Regisseur und Oscar-Preisträger Danny Boyle (»Slumdog Millionär«) fürchtet den Erfolg. »Erfolg ist schrecklich, weil er lähmt«, sagte der 60-Jährige der »Berliner Morgenpost« (Sonntag). »Man sollte ihn so weit wie möglich ignorieren. Erfolg verändert einen, ob man will oder nicht.« Erfolg führe zu Selbstsicherheit, aber dies sei nicht immer gut. »Viele selbstsichere Leute machen fürchterliche Filme.« Allerdings sei auch Misserfolg »absolut furchtbar«, schränkte Boyle ein. Ihm helfe es, Kinder zu haben, die sich nicht für seinen Erfolg interessierten. »Das lässt mich nicht abheben.«

Boyles neuer Film »T2 Trainspotting«, Fortsetzung des Kultfilms »Trainspotting« von 1996, ist seit Kurzem in den deutschen Kinos zu sehen.

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin könnte nach der jüngsten Kehrtwende im Bundestag nun in zwei Jahren fertig sein. Der verantwortliche Gestalter Johannes Milla (56) sagte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: »Wenn jetzt die notwendigen parlamentarischen Schritte zügig erfolgen und alles flott geht, kann das Denkmal zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2019 eröffnet werden. An uns soll es nicht liegen.« Voraussetzung ist nach Angaben des Stuttgarter Designers, dass sein Büro Milla & Partner jetzt offiziell mit dem nächsten Schritt, der sogenannten Ausführungsplanung, beauftragt wird. »Die Baugenehmigung liegt seit eineinhalb Jahren vor, alle Planungen sind auftragsgemäß abgeschlossen. Sobald wir grünes Licht bekommen, dauert es noch zwei Jahre.« Der 17. Juni 2017 wäre ein guter Termin für einen symbolischen ersten Spatenstich, so Milla.

Die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und SPD hatten vor wenigen Tagen beschlossen, das vom Haushaltsausschuss im vergangenen Jahr gestoppte Projekt doch noch umzusetzen. Milla nannte einen Kostenrahmen von elf Millionen Euro.

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