26. September 2019, 18:38 Uhr

Struwwelpeter beim Friseur

Sieh einmal, hier steht - nicht der Struwwelpeter. Paulinchen ist es, die als riesige Leuchtfigur das Foyer des Museums ziert, das dem Titelhelden des berühmten Kinderbuches gewidmet ist, natürlich auch alle anderen Helden vorstellt, die der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann anno 1844 für seinen damals dreijährigen Sohn erdachte.
26. September 2019, 18:38 Uhr
EPD
Struwwelpeter zum Anfassen: In zwei rekonstruierten Fachwerkhäusern in der Frankfurter Altstadt ist ab sofort das literarische Erbe des Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann (1809-1894) zu erkunden. (Foto: epd)

Schon länger drückten sich große und kleine Fans am Schaufenster der beiden Esslinger-Häuser in der neuen Frankfurter Altstadt die Nasen platt, um zu sehen, was sich dahinter befindet. Eine Erfahrung, die Beate Zekorn-von Bebenburg am alten Standort im Westend nicht kannte. Dort fanden nur diejenigen hin, die die private Einrichtung suchten. Jetzt jedoch, an solch zentralem Standort, erwartet die Leiterin des Struwwelpeter-Museums zahlreiche Passanten und auch viele ausländische Besucher in ihren mit Parkettboden und Stuckdecke ausgestatteten Räumen.

Jetzt wurde die Sammlung, deren Träger die Frankfurter Werkgemeinschaft ist, eröffnet. Auf 600 Quadratmetern erzählt sie nicht nur die bekannten Geschichten und zeigt ihre zahlreichen Adaptionen und Verfremdungen für unterschiedlichste Zwecke im Laufe der Jahrzehnte bis hin zum Brexit auf. Sie stellt in Porträts und Schriftstücken auch das Leben des Bilderbuchschöpfers vor, der den Struwwelpeter gerade mal 500 Meter entfernt kreierte, und die Biedermeierzeit, in die er einzuordnen ist. Das medizinische Wirken Hoffmanns wird ausführlich beleuchtet, seine psychiatrische Arbeit, die laut Zekorn-von Bebenburg seiner eigenen Meinung nach zu sehr im Schatten des ungepflegten Bengels und seiner Gefährten stand. Das politische Engagement des Befürworters einer konstitutionellen Monarchie bleibt ebenfalls nicht außen vor.

Doch passend zu der Altersgruppe, für die »Der Struwwelpeter« ursprünglich gedacht war, ist das Museum auch ein großer Spielplatz. Dessen Zentrum befindet sich in der ersten Etage, im Struwwelpeter-Kosmos. Hier können die Kinder (und natürlich auch Erwachsene) an einem Tisch Platz nehmen und bei einem Würfelspiel ihr Glück versuchen. An mehreren Stationen sind digitale Medien integriert, an denen jeder sein Wissen über den bösen Friedrich und den Zappel-Philipp beweisen oder dem Daumenlutscher dabei helfen kann, seinen Finger vor der riesigen Schneiderschere zu retten. Die Zukunft des Struwwelpeter lässt sich gestalten, indem man ihn zum Friseur schickt oder nicht und am Ende mehrerer Entscheidungen erfährt, ob er im Bankgeschäft landet oder als »Fridays for Future«-Aktivist auf der Straße anzutreffen ist.

Für eigene kleine Vorführungen gibt es den bewährten Kostümfundus und zusätzlich eine kleine Bühne. An Hörstationen lauscht man entspannt Hoffmanns Poesie. Im zweiten Stock gibt es neben einer zu mietenden Veranstaltungsfläche Platz für Sonderausstellungen. Mit einer, in der der Künstler Luis Rodriguez Noa den kubanischen Verwandten des deutschen Lausbuben vorstellt, beginnt diese Serie. Eine Galerie ganz oben eignet sich vor allem für wechselnde Illustrationen an den Wänden.

In 40 Sprachen übersetzt

»Der Struwwelpeter« wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Gerade, so die Museumsdirektorin, ist eine arabische Version herausgekommen. In seiner neuen Herberge fehlt es noch an Mehrsprachigkeit. Dazu hat die Zeit bis zur Eröffnung nicht gereicht. Doch zumindest englische Erläuterungen sind geplant. Im Shop im Erdgeschoss, wo es Uhren, Baby-Bodys für Frankfurter Buben und andere Geschenkartikel mit dem Konterfei des Wuschelkopfes gibt, ist einiges schon entsprechend beschrieben.

Die beiden Häuser »voller Geschichten« ließ sich die Werkgemeinschaft inklusive der Einrichtung etwa 4,35 Millionen Euro kosten. Das auch personell von drei auf bis zu zwölf Mitarbeiter ausgebaute Museum wurde als Gemeinnützige GmbH ausgegliedert. In dem Inklusionsbetrieb sollen zu 50 Prozent Schwerbehinderte arbeiten. Nicht nur deshalb hat Barrierefreiheit in den Fachwerkhäusern einen wichtigen Stellenwert. »Das Haus soll sich in alle Richtungen öffnen«, sagt die Direktorin. Ein Anfang ist gemacht.

Struwwelpeter-Museum, Frankfurt, Hinter dem Lämmchen 2-4 am Hühnermarkt. Geöffnet Di.-So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, Kinder bis sechs Jahre frei. Führungen und Kindergeburtstage nach Vereinbarung.



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