26. Oktober 2017, 20:17 Uhr

Streit in Paris um Polanski-Retrospektive Slammer kämpfen um Meisterschaft Ein Loch führt auf die Spur Glanz und Elend der 20er Jahre Rotstift Feuerwerk des Funk eröffnet Jazzfestival

Von wegen Goldene Zwanziger: Dass die Weimarer Republik für viele Menschen in Deutschland ausgesprochen düster und trist war, belegt eine Ausstellung in Frankfurt. Dort zeigt die Kunsthalle Schirn »Glanz und Elend« dieser vielschichtigen Zeit.
26. Oktober 2017, 20:17 Uhr
Herkunft geklärt: »Porträt einer jungen Frau« von Thomas Couture. (Foto: dpa)

Trotz heftiger Kritik von Frauenrechtlern hält die französische Cinemathek an einer Retrospektive über den Star-Regisseur Roman Polanski (84) fest. Sie habe »getreu ihren Werten und ihrer Tradition der Unabhängigkeit« nicht vor, »an die Stelle der Justiz zu treten«, teilte die renommierte Kino-Institution in Paris mit. Die Retrospektive von Polanskis Filmen werde wie geplant am Montag beginnen. Die Organisation Osez le Féminisme hatte der Cinemathek vor dem Hintergrund des Missbrauchsverfahrens gegen Polanski vorgeworfen, sich an »der Kultur der Straffreiheit männlicher Gewalt« zu beteiligen. Gegen Polanski läuft in den USA seit 40 Jahren ein Verfahren, ihm wird sexueller Missbrauch einer 13-Jährigen vorgeworfen.

Es ist so ähnlich wie bei einer Fußball-WM: Bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften haben nach der Eröffnungsfeier die Vorrunden begonnen. Jeweils elf Bühnendichter traten am Mittwoch in Hannover gegeneinander an und kämpften mit eigenen Texten um die Gunst des Publikums. Die besten Slammer qualifizieren sich für das heutige Halbfinale, morgen folgt dann das Finale in der Einzel- und Teamwertung. Der NDR überträgt das im Opernhaus stattfindende Finale am Samstag in einem Livestream. Erwartet werden insgesamt etwa 300 Künstlerinnen und Künstler sowie rund 10 000 Zuschauer.

Ihren Ursprung hat die Kunstform Poetry Slam in den USA. Inzwischen ist die deutschsprachige Szene aber aktiver als die englischsprachige. Ende 2016 wurde der Dichterwettstreit sogar in die deutsche UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Die Teilnehmer in Hannover mussten sich über Landesmeisterschaften qualifizieren.

Um die spektakuläre Kunstsammlung des Münchner Eigenbrötlers Cornelius Gurlitt war es lange ruhig. Doch kurz vor der mit Spannung erwarteten Doppelausstellung der millionenschweren Werke ab Anfang November in Bonn und Bern gibt es neue Erkenntnisse: Ein weiteres wertvolles Gemälde, das »Porträt einer sitzenden jungen Frau« des französischen Malers Thomas Couture, hat sich als NS-Raubkunst herausgestellt.

»Das ist ein besonders aufregender Fall, weil unser wichtigstes Indiz ein winziges repariertes Loch in der Leinwand war«, erklärt Andrea Baresel-Brand, Leiterin des Gurlitt-Forschungsprojekts. »Das Bild stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Sammlung des früheren französischen Ministers Georges Mandel, dessen Familie Anspruch auf das Werk erhoben hat.« Der jüdische Politiker gehört zu den berühmtesten Opfern des Nazi-Regimes in Frankreich. Er hatte sich während der deutschen Besatzung vehement gegen die NS-Machthaber aufgelehnt. 1941 wurde er als angeblicher Kriegstreiber zu lebenslanger Haft verurteilt, kam als »Ehrenhäftling« in deutsche Lager und wurde 1944 von französischen Milizen im Wald von Fontainebleau ermordet.

Seine langjährige Lebensgefährtin, die bekannte französische Schauspielerin Béatrice Bretty, meldete den Behörden nach dem Krieg den Verlust mehrerer Gemälde, darunter auch des Frauenporträts. »Loch in der Mitte der Brust – Reparatur sichtbar«, stand handschriftlich neben dem Eintrag.

Für die beauftragte Gurlitt-Forscherin war das der entscheidende Schlüssel. Bei einer neuerlichen Untersuchung des Originals stellte sich heraus, dass die fein gemalte Frau mit dem geheimnisvollen Lächeln tatsächlich ein Loch in der Bluse hat. »Wir halten es für höchst unwahrscheinlich, dass ein weiteres Frauenporträt von Thomas Couture existiert, das ein repariertes Loch auf Brusthöhe hat«, meint Baresel-Brand.

Damit hat sich bei bisher insgesamt sechs Bildern aus Gurlitts Nachlass der Verdacht auf NS-Raubkunst erhärten lassen. 2012 waren in der Schwabinger Wohnung des Eigenbrötlers rund 1280 heimlich gehortete Kunstwerke beschlagnahmt worden. Später tauchten weitere 238 Werke in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg auf. Die Sammlung galt schon früh als verdächtig, weil Gurlitts Vater Hildebrand zu den offiziellen Kunstankäufern der Nazis gehörte. Eine 2013 eingesetzte Taskforce zur Aufklärung der Herkunft der Bilder hatte schon fünf Fälle eindeutig auf NS-Unrecht zurückgeführt. Das Folgeprojekt »Provenienzrecherche Gurlitt« geht seit Anfang 2016 der noch offenen Geschichte von gut tausend Bildern nach. »Wir werden auch bis zum Projektende im Dezember nicht annähernd alle Fragen klären können«, sagt Baresel-Brand.

Auch beim »Frauenporträt« von Thomas Couture (1815–1879) haben die Forscher keine handfesten Beweise, wie das Bild in den Besitz von Gurlitts Vater kam. Sie gehen aber davon aus, dass es dem Eigentümer Georges Mandel während der deutschen Besatzungszeit geraubt wurde.

In den Akten gibt es eine Notiz des NS-Diplomaten Eberhard Freiherr von Künsberg, der in Frankreich mit der Beschlagnahmung von Archiven und Kunstsammlungen betraut war. Er habe mit seiner Einheit die »Wohnung des Juden Mandel« durchsucht, schrieb er 1940 laut Untersuchungsbericht. Zur »Sicherung des jüdischen Kunstbesitzes« solle dieser zunächst in die deutsche Botschaft in Paris gebracht werden. 1944 taucht die Sitzende Dame dann bei dem zwielichtigen französischen Kunsthändler Raphael Gerard auf, der zu den wichtigsten Zulieferern der Frankreich-Geschäfte von Hildebrand Gurlitt gehörte. »Wenn etwas über den grauen Markt ging, wird man es nicht aufklären können. Da gibt es keine Protokolle, keine Quittungen«, sagt die Projektleiterin. »Aber für uns ist der Fall ›Sitzende Frau‹ so klar, wie wir ihn irgend machen konnten.«

Kriegsversehrte stehen mit verstümmelten Gliedern an jeder Ecke. Arbeitslose überall. Rauchende Prostituierte mit grell geschminkten Gesichtern warten auf Kundschaft. Goldene Jahre sehen anders aus. Dass die Weimarer Republik auch ihre Schattenseiten hatte, dokumentiert ab heute eine groß angelegte Themenausstellung der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt.

Zu sehen sind unter dem Titel »Glanz und Elend in der Weimarer Republik. Von Otto Dix bis Jeanne Mammen« rund 190 Werke von mehr als 60 Künstlern. Unter den Exponaten sind bekannte Arbeiten etwa von Max Beckmann oder George Grosz wie auch weniger beachtete von Heinrich Maria Davringhausen oder Grethe Jürgens. Nur so sei ein facettenreicher Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918 bis 1933 möglich gewesen, sagt Kuratorin Ingrid Pfeiffer. Denn sie will die Ausstellung nicht als bloße Werkschau des Verismus und der Neuen Sachlichkeit verstanden wissen, nicht als akademische Stilgeschichte – sondern als eine Art soziologischer Rückblick.

»Es wurde auf allen Ebenen heftig über die Ausrichtung der Republik diskutiert, über die Rolle der Frau, die Wochenarbeitszeit oder über die Paragrafen zu Abtreibung und Homosexualität. Neben dem offenkundigen Elend markieren für mich all diese Tendenzen den Glanz der Weimarer Republik«, begründet sie das Konzept.

Entsprechend zeigen die ausgestellten Arbeiten auf der einen Seite das frivole und exzentrische Treiben in den Kokain-Bars, den Nachtlokalen und Varietés der Großstädte. Vergnügungssüchtige, die sich mit fiebrigen Gesichtern durch die Nacht treiben lassen. Tänzerinnen, halb nackte Körper und lasterhafte Revuen. Christian Schad zeichnet 1929 »Liebende Knaben« in inniger Umarmung.

Auf der anderen Seite sind die düsteren Seiten der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen: die politischen Unruhen, die wirtschaftlichen Abgründe, die Veränderungen durch eine zunehmende Industrialisierung, die aufkommende rechtsnationale Symbolik. »Es war für mich ein Schock, zu sehen, wie früh – nämlich zwischen 1921 und 1923 – das Hakenkreuz in künstlerischen Darstellungen auftaucht«, erinnert sich Pfeiffer.

Daneben versammelt die Schau Zeichnungen, Gemälde, Plakate und Skulpturen, die die Rolle der Frau, zunehmende Prostitution und eine wachsende Begeisterung für den Sport dokumentieren. »Damit wird ein Gesamtbild wiederhergestellt, das durch die spätere deutsche Geschichte zerrissen worden ist«, meint Schirn-Direktor Philipp Demandt und spricht von einer »Epoche am seidenen Faden der Demokratie«, einer »Zeit, die uns vielleicht in mancher Hinsicht näher ist, als wir glauben wollen«.

Gezielt endet die Ausstellung daher mit einer beklemmenden Prognose: Am Ende stehen Arbeiten von Franz Radziwill, Alice Lex-Nerlinger oder auch Carl Grossberg aus den frühen 1930er Jahren. Sie zeigen Industrieanlagen ohne Menschen, vom Himmel stürzende Flugzeuge, politische Gefangene. »Der letzte Ausweg« ist eine Gouache von Oskar Nerlinger. Das in Grau gehaltene Bild zeigt einen Menschen, der an einem dunklen Strick von einer grauen Zimmerdecke herabhängt. Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Februar zu sehen.

Immer weniger Deutsche schnallen sich an. Dabei kann der Gurt Leben retten. Im neuen Bundestag sitzen dennoch alle einfach so herum. Was, wenn irgendein Horst auf dem Weg nach Jamaika den Karren an die Wand fährt? Obwohl die Verkehrsdichte im Plenum deutlich zugenommen hat, verschließen viele die Augen vor der Gefahr und wandeln auf der Suche nach der Essensausgabe völlig ungeschützt umher. Zusammenstöße lassen sich nicht vermeiden. Wer auf dem kurzen Dienstweg mit einer schwarzen Null kollidiert, wird schnell auf dem linken Auge blind. Experten vom Allgemeinen Deutschen Abgeordneten-Club, ADAC, raten deshalb dringend zur Gurtpflicht. Schöner Nebeneffekt: Angeschnallte Mandatsträger können nicht mehr so einfach vors Mikrofon treten. Potenziellen Grabschern sollen Airbags an den Pulten vorbeugen. Sie dürfen von Parlamentschef Schäuble auch bei unliebsamen Zwischenrufen per Knopfdruck ausgelöst werden. Ferner wird eine Helmpflicht diskutiert. Die Grünen tendieren zu atmungsaktiver Strickware mit Glitzerfaden, während die AfD-Fraktion schon zur nächsten Sitzung ihre alten Stahlhelme mitbringen will. Dann stimmt endlich auch die Optik.

Manfred Merz

Das 48. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt ist vom Hammond-Orgel-Spieler Cory Henry fulminant eröffnet worden. Gospel, Soul und Jazz prägten den ersten Teil des Konzerts, bei dem der 30-jährige US-Musiker als Gast mit der HR-Bigband unter der Leitung von Jim McNeely spielte und seine enorme Virtuosität an der Hammond-Orgel und dem Synthesizer unter Beweis stellte.

Im zweiten Teil, bei dem es in der fast ausverkauften Alten Oper viele Zuhörer nicht auf den Sitzen hielt, zündete er mit den Funk Aposteln in der Nacht zum Donnerstag ein Feuerwerk des Funk. Henry machte mit seiner Version des Bee-Gees-Songs »Stayin Alive« nicht halt und interpretierte auch Tina Turners »Proud Mary« auf seine Art mit viel Groove.

Beim Jazzfestival werden bis Sonntag an drei Spielstätten der Mainmetropole noch ein Dutzend weiterer Formationen präsentiert. So sind noch skandinavische Klänge von Mats Eilertsens Septett Rubicon und furiose Improvisationen des Schweizer Bassisten Bänz Oester mit seiner Band Rainmakers zu hören. Zum Abschluss spielt im Mousonturm der neue Star der britischen Post-Jazzszene, Shabaka Hutchings, mit seiner Band The Ancestors.

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