01. Dezember 2019, 19:50 Uhr

Sprachkünstler

01. Dezember 2019, 19:50 Uhr
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Von DPA
Botho Strauß Foto: Archiv

Es ist wohl einer der Ursprünge des viel diskutierten Phänomens der alten, weißen Männer. Mit der kulturpessimistischen Momentaufnahme »Anschwellender Bocksgesang« löste der einstmals links verortete Botho Strauß bereits Anfang der 90er Jahre eine breite Debatte über »intellektuellen Rechtsradikalismus« aus, wie etwa Ignatz Bubis kritisierte, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Solch furiose Essays von Strauß sind selten geworden, dafür erscheinen gleich zwei neue Bücher zu seinem 75. Geburtstag am heutigen Montag.

Strauß gilt als einer der eigensinnigsten, aber auch wichtigsten Köpfe der deutschen Literatur. Mit seinen Stücken hat er das Nachkriegstheater geprägt, einst war er einer der meistgespielten zeitgenössischen Dramatiker auf deutschsprachigen Bühnen. Regisseure wie Claus Peymann, Luc Bondy, Patrice Chéreau, Matthias Hartmann und Dieter Dorn rissen sich um neue Stücke. Parallel dazu ist seine gesammelte Prosa zu einer Gesamtaufnahme deutscher Befindlichkeiten angewachsen.

Zu wichtigen Stücken von Strauß gehören »Groß und klein«, »Die Zeit und das Zimmer«, »Unerwartete Rückkehr« und »Schändung«. Legendär ist sein Prosaband »Paare, Passanten« von 1981, der früh die zentralen Themen von der Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und dem Scheitern an der Gesellschaft ansprach.

1944 als Sohn eines Lebensmittelberaters in Naumburg an der Saale geboren und in Remscheid und Bad Ems aufgewachsen, hatte Strauß ein Germanistikstudium abgebrochen. Er arbeitete zunächst als Journalist bei der Zeitschrift »Theater heute« und von 1970 bis 1975 als Dramaturg an der Berliner Schaubühne unter Peter Stein.

Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Jean-Paul-Preis, den Georg-Büchner-Preis und den Schiller-Gedächtnispreis.

Strauß lebt zurückgezogen in der Uckermark und verweigert sich öffentlichen Auftritten. »Niemals sich blitzen, filmen, verhören, ehren oder sonst wie erwischen lassen«, schrieb er in »Paare, Passanten« - und hielt sich (fast) immer daran.

Mit 75 legt er nun ein neues Drama vor. In »Saul« nimmt Strauß den alttestamentarischen Stoff als Grundlage für die Geschichte eines zwischen Pflicht, Macht und Wünschen zerrissenen Menschen. Daneben steht der Prosa-Band »Zu oft umsonst gelächelt«, ein Kaleidoskop aus Fragmenten, Versatzstücken, Einblicken, Erinnerungen an Zwischengeschlechtliches. Gehalten meist in gewohntem Pessimismus, ist bei Strauß auf dem »Ehetrümmergrundstück« die Verbindung (»Mann und Frau sind niemals Partner«) »nicht viel mehr als eine geschlechtliche Verwaltungseinheit«. Denn: »Mehr als die Andeutung von Liebe ist Liebe wohl nie.« Und wieder ist Strauß ganz der elitäre Sprachkünstler: Viele Sätze lohnen eine Wiederholung der Lektüre.



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