03. Juli 2017, 18:58 Uhr

Selfie der Meisterklasse

Sie sind die Virtuosen ihres Fachs, Kategorie: Weltklasse. Nun wollen sechs Solisten beim »Geigengipfel« des Rheingau Musik Festivals hoch hinaus. Im Kurhaus Wiesbaden kommt es zur Erstbesteigung.
03. Juli 2017, 18:58 Uhr
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Von Manfred Merz
Schnell noch ein Selfie im Schlussapplaus: Nicht nur wenn Lisa Batiashvili Geige spielt, auch wenn sie auf den Auslöser drückt, freuen sich alle. (Foto: RMF / Ansgar Klostermann)

Vollmundig als »Geigengipfel« führender Virtuosen angekündigt, war nach einem Blick ins Programmheft klar, dass am Abend keine Achttausender bezwungen werden. Dennoch prägte unerhörte Klangfreude das Konzert im Kurhaus Wiesbaden. Das Rheingau Musik Festival überschrieb den Sonntagabend mit »A tribute to Ana Chumachenco«. Die Altmeisterin, Jahrgang 1945, hatte fünf ihrer einstigen Münchener Violinschüler um sich versammelt, um schillernde Kompositionsberge von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach zu erklimmen. Mit Lisa Batiashvili, Veronika Eberle, Daniel Röhn, Rudens Turku und der unvergleichlichen Arabella Steinbacher war die Creme der deutschen Geigenkunst auf einer Bühne versammelt. Die barocke Soundgrundierung lieferte das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Clemens Schuldt.

Die Solisten boten in vier Konzerten die hohe Kunst des feinen Klangs. Eingerahmt von zwei reinen Orchesterstücken, verging der Abend wie im Flug. Die Künstler im direkten Vergleich miteinander zu erleben, war bereits das Eintrittsgeld wert. Veronika Eberle, Jahrgang 1988 und die Jüngste im Bunde, bezirzte auf ihrer Stradivari »Dragonetti« aus dem Jahr 1700 mit ihrem impulsiven Spiel, Lisa Batiashvili auf ihrer Guarneri »del Gesù« von 1739 mit ihrer immensen Reinheit und Arabella Steinbacher auf ihrer »Booth«-Stradivari von 1716 mit einer Schönheit, die ohne Affekte in Bann zieht. Die beiden Herren, Daniel Röhn und Rudens Turku, hatten ihre Mühe, sich gegen diese drei Weltklassegeigerinnen zu behaupten. Und Ana Chumachenco bewies in Bachs Konzert für drei Violinen und Orchester D-Dur BWV 1064 und in Vivaldis Konzert für vier Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo F-Dur op. 3 Nr. 7, dass sie es noch immer kann. Das Orchester musizierte dazu lupenrein.

Einen Höhepunkt bildete das Konzert für vier Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo h-Moll op. 3 Nr. 10 von Vivaldi. In drei Sätzen fächert der Italiener seine Kunst der Melodieführung auf in artistische Läufe, um im Larghetto des Mittelsatzes eine gestochen scharfe Abfolge gebrochener Akkorde zu notieren, mit deren Hilfe sich jeder der vier Solisten – Batiashvili, Eberle, Steinbacher und Röhn – an einem eigenen Klangmuster austoben konnte.

Gut erkennbar auch die Unterschiede in den Kompositionen. Hier der virtuose Vivaldi, selbst ein Teufelsgeiger, der seine durchweg kurzen Stücke wie Vulkane eruptieren lässt. Dort das deutsche Urgestein Bach mit seinem tiefen Ernst bei gleichzeitiger Verspieltheit im Detail, wie das Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo d-Moll BMV 1043 zeigte, das Röhn und Turku als Solisten gekonnt zelebrierten.

Das Münchener Kammerorchester war an diesem Abend mehr als nur Begleiter. Im Schlussstück »Aus Holbergs Zeit – Suite im alten Stile« op. 40 von Edvard Grieg arbeitete das reine Streichensemble die schillernden romantischen Momente im barocken Duktus entschlossen heraus. Ein stimmungsvolles Konzert mit einer lächelnden Meisterin und ihren ebenfalls lächelnden einstigen Schülern, die alle längst selbst zu großartigen Meistern gereift sind.



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