04. August 2017, 18:57 Uhr

Schwerer Zugang zur documenta

04. August 2017, 18:57 Uhr

Mit Susanne Gaensheimer als neuer Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf wird keine Langeweile aufkommen. Die ausgewiesene Expertin für Gegenwartskunst will Theater, Tanz, Literatur und auch junge Leute ins Museum holen. Nur vor Bildern zu stehen, reicht heutzutage nicht mehr. »Wir wollen im Museum nicht immer die gleiche Erfahrung machen«, sagt Gaensheimer (50) im Interview der Deutschen Presse-Agentur. »Wir wollen andere Formen der Kunsterfahrung.« Am 1. September übernimmt Gaensheimer die Leitung der Kunstsammlung NRW.

documenta, Biennale, Skulptur-Projekte – was ist Ihr Highlight in diesem Kunstsommer?

Susanne Gaensheimer: Die documenta. Ich war erst in Athen und habe dort schwer Zugang gefunden. Aber das ist wohl auch ein Prinzip der diesjährigen documenta. Adam Szymczyk hat ja das Motto ausgegeben: Wir müssen wieder lernen, nicht zu wissen. Ich finde, dass die documenta sehr tief greifend ist. Und ich habe auch in Kassel sehr gute Werke gesehen.

Werden die Besucher in diesem Sommer nicht überfüttert mit Kunst?

Gaensheimer: Natürlich kann man sich nur einen Bruchteil der Namen merken. Und man kann sie sich erst merken, wenn man einen konkreten emotionalen Bezug hat oder den Namen zum zweiten Mal in einem anderen Kontext sieht.

Haben die Massen an Kunstwerken, die gezeigt werden, auch die entsprechende Qualität?

Gaensheimer: Die Zugänglichkeit mag bei der diesjährigen documenta schwierig sein. Aber die Qualität stimmt.

Sie kommen als ausgewiesene Spezialistin für Gegenwartskunst an ein Haus mit einer hochkarätigen Sammlung der Klassischen Moderne – wie passt das zusammen?

Gaensheimer: Ich habe enge Berührungspunkte zur klassischen Moderne und Nachkriegsmoderne in meiner langen Zeit am Lenbachhaus gehabt, wo ich die Abteilung für internationale Kunst nach 1945 geleitet habe und der Blaue Reiter und sein Umfeld im Zentrum stehen. Bei der Gegenwartskunst habe ich in den letzten Jahren die Perspektive erweitert auf einen globalen Raum der Kunst. Diesen Schritt finde ich nun auch wichtig für die klassische Moderne und die Nachkriegsmoderne in der Düsseldorfer Landesgalerie.

Wie wollen Sie die klassische Moderne denn neu präsentieren?

Gaensheimer: Wir sind mitten in einem Forschungsprojekt mit dem Titel »Museum global«, das von der Bundeskulturstiftung finanziell unterstützt wird. Die einzelnen Kuratorinnen der Kunstsammlung NRW forschen über die Entwicklung der Moderne in unterschiedlichen Ländern und Kontinenten, ich selber auch. Die Ergebnisse werden dann nicht nur einmalig in einer Ausstellung präsentiert, sondern unsere zukünftige Umgangsform mit der Sammlung prägen.

Die Sammlung wird also nicht mehr isoliert betrachtet?

Gaensheimer: Es wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen der vorhandenen Sammlung, die ja eine paradigmatisch westliche ist, und künstlerischen Entwicklungen in derselben Zeit in anderen Bereichen der Welt. Es geht darum, zu verstehen, dass wir in Europa und Nordamerika eine bestimmte Konzeption von Moderne entwickelt haben und dass es in anderen Teilen der Welt andere Konzepte gibt. Die Frage ist, wie können wir unsere Perspektive ergänzen.

Die Besucher wollen aber auch gern das Altbekannte, Dix oder Picasso, sehen.

Gaensheimer: Natürlich, das wird auch so bleiben. Die Werke bleiben in der Sammlung präsent. Und es wird auch in Zukunft Einzelausstellungen von Künstlern und Künstlerinnen der Klassischen Moderne und der Nachkriegsmoderne geben – sowohl aus dem europäischen Raum als auch international.

Sind Besucherzahlen und Blockbuster heute noch das wichtigste Erfolgskriterium für ein Museum?

Gaensheimer: Ich glaube, dass in Zukunft die Größe von Ausstellungen nicht mehr diese Relevanz haben wird. Wir müssen die Frage anders stellen: Wer ist unser Publikum, und wen wollen wir ansprechen? Dementsprechend müssen wir unser Programm entwickeln. Das bedeutet nicht nur Ausstellungen, sondern auch Vermittlung und Bildung. Da können wir ganz andere Besuchergruppen ansprechen. Das haben wir im MMK in Frankfurt gesehen und das sieht man etwa auch bei der Tate in London.

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien? Sie müssen auch ein junges Publikum ansprechen. Und das hat doch alles andere zu tun, als ins Museum zu gehen.

Gaensheimer: Da habe ich eine andere Erfahrung gemacht. Wir haben in Frankfurt stark auf soziale Medien gesetzt und dadurch eine ganz andere Generation erreichen können. Dabei stellte sich heraus: Je mehr Menschen wir im digitalen Raum erreichen, desto mehr kommen ins Museum. Auch die jüngere Generation hat Interesse an der authentischen Erfahrung und will Ausstellungen sehen.

Wäre es vorstellbar, dass die Oper oder Ballettchef Martin Schläpfer etwas im Museum machen?

Wir haben in Frankfurt sehr fruchtbare Kooperationen mit dem Schauspiel, der Alten Oper oder dem Literaturhaus gehabt. Es wäre schön, wenn das hier in Düsseldorf auch möglich wäre. Da kann man nur voneinander lernen und profitieren.

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