Kultur

Schrille Gestalten auf Gralssuche Geschundene Kreatur Worpswede zeichnet Heilbronner Künstler aus Stuttgart erinnert an russischen Regisseur Deutscher Dirigentenpreis für Hossein Pishkar Spatenstich für Musiksaal in Kronberg Erste Schauspielpremiere an Be

Die Idee ist nicht neu: Hamlet wurde schon von einer Frau gespielt, König Lear ebenfalls. Roger Vontobel besetzt nun am Schauspiel Frankfurt den Part des Woyzeck mit Jana Schulz, die voll und ganz mit der Rolle verschmilzt. Ihr gelingt ein ergreifendes Porträt eines rastlos Geschundenen, der seinen inneren Frieden nicht finden kann.
01. Oktober 2017, 18:38 Uhr
Martin Schäfer
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Ritter Galahad (Artur Molin) stellt die Legitimation von König Artus (Karlheinz Schmitt) infrage. (Foto: Jan Bosch)

Gags satt – so zeigte sich die Premiere von Monty Pythons »Spamalot« am Samstag im Erwin-Piscator-Haus, der Stadthalle Marburgs. Und damit die Gags ihre Wirkung nicht verfehlen, sind sie hier nur am Textende kursorisch erwähnt. Das Publikum hatte ein fulminantes Musical erlebt und amüsierte sich köstlich. Acht Schauspieler, sieben Tänzer und Tänzerinnen und dabei noch Live-Musik mit achtköpfigem Orchester spielten eines der schrillsten Komödien überhaupt: König Artus sammelt seine Ritter hinter sich, um den heiligen Gral zu finden. Allein dies ist schon eine Herkulesaufgabe, denn Ritter Galahad (Artur Molin) stellt schlicht das Königstum infrage. Er lebt schließlich in einem antiautoritären Kollektiv.

Nichts ist vor dem Klamauk der britischen Komikertruppe Monty Python sicher. Weder im Kultfilm »Das Leben des Brain« noch in »Die Ritter der Kokosnuss« aus dem Jahr 1975. Letzteres war Vorlage des Musicals »Spamalot«, das nach der Uraufführung 2005 in New York rund vier Jahre nonstop am Broadway gezeigt wurde. Der Name des Musicals fügt den von Monty Python geprägten Begriff »Spam« für Dosenfleisch mit Artus’ Ritterburg »Camelot« zusammen.

»Das ist eine große Kiste«, sagte der Marburger Theaterintendant Matthias Faltz während der Proben. Die Großproduktion »Spamalot« sollte zu einem der Höhepunkte seiner letzten Spielzeit in Marburg werden. Das ist – gemessen an Applaus und Publikumsreaktion während der Aufführung – geglückt.

Von allen wird extrem viel verlangt: Die Schauspieler müssen auf hohem Niveau singen und tanzen. Dass das Ensemble das ermöglichte, ist ein Glücksfall. Artus (prima gespielt und gestikuliert von Karlheinz Schmitt) »reitet« durch Britannien als Ritter von wahrhaft trauriger Gestalt. Sein Diener und Lastenträger Patsy (Thomas Huth) gibt mit den Kokosnüssen den Takt an. Bis auf Artus, Patsy und die Fee am See spielen die Schauspieler wie im Original gleich mehrere Rollen. Auf die Kostümbildnerin Annie Lenk kam mit über 100 Kostümen eine Megaarbeit zu. Das Bühnenbild (Harm Naaijer) ist reduziert und unterstützt dadurch die Wirkung der Gags. Denn die machen das Musical so außergewöhnlich.

Kaum eine Handlung ohne Gag. Während Artus sich abmüht, genießt Patsy eine Banane – was natürlich nicht ins Mittelalter gehört. Dann klingelt ein Handy. Die Schauspieler unterbrechen das Spiel, gehen irritiert an den Bühnenrand und schauen drohend ins Publikum. Überraschend wendet sich die bekannte Stimme einer Marburger Persönlichkeit mit rollendem »R« als Gott an die Ritterrunde. Die Merkel-Raute taucht auf, wenn die Fee am See (Franziska Knetsch bravourös in Spiel- und Gesangsrolle) das Lied interpretiert, das gleich noch gesungen werden wird.

Die Marburger Truppe und Monty Python spielen mit allen Klischees, die da kommen. Etwa den Geschlechterrollen, mit leicht bekleideten Tänzern und Tänzerinnen, mit einem Ritter Lancelot (Philip Lütgenau), der sich outet, und dem Hinweis, dass die Ehe für alle ja erst 1000 Jahre später kommt. Und dann geht es auch um Marburg und darum, dass das Musical ja wohl in Marburg keine Chance gehabt hätte, wenn es nicht durch Aufführung am Broadway bekannt und geadelt worden wäre. Man muss den Film nicht kennen. Die Gags sind zeitlos, und Matthias Faltz holt Musical und Comedy gekonnt in die Jetztzeit nach Marburg. Ein Genuss. Martin Schäfer

Es scheint, als trüge Woyzeck das ganze Leid der Erde auf seinen Schultern. Georg Büchners Theaterfragment hat in den letzten Jahren für eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen den Stoff geliefert. So stellte Leander Haußmann in seiner zupackenden Inszenierung am Berliner Ensemble den Soldaten heraus, der beim Militär geschliffen und von seinen Kameraden gemobbt wird. Der international tätige Allround-Künstler William Kentridge verlegte die Handlung der fanatasievollen Aufführung der Kapstädter Handspring Puppet Company in die Welt der hart arbeitenden Bergarbeiter von Johannesburg.

Roger Vontobel nun besinnt sich am Schauspiel Frankfurt wieder auf den eigentlichen Kern: eine unglückliche Liebesgeschichte zweier vom Leben Benachteiligter, die – geprägt von Eifersucht – zu keinem guten Ende führen kann. Auf 90 Minuten und eine ächzende Drehbühne konzentriert, die Woyzeck wie ein altersschwaches Schiff gelegentlich den Boden unter den Füßen wegreißt, entwirft der 40-jährige Schweizer Regisseur ein Kaleidoskop der Verzweiflung einer zum Scheitern verdammten Kreatur.

Jana Schulz ist Woyzeck – ganz und gar mit Haut und Haaren. In ihrer androgynen Gestalt nimmt sie hochsensibel alle beängstigenden Schwingungen der Umwelt wahr. Wie ein gehetztes Tier sucht sie immer wieder nach Ruhe, schindet sich auf den Knien ab, wenn der schnarrende Hauptmann (Wolfgang Pregler) Woyzeck vom Rasierstuhl traktiert und der giftige Doktor (Matthias Redlhammer) dem Probanden im Erbsen-Dauertest schmerzhaft die Ohren lang zieht. Auch als der Bulle von Tambourmajor (André Meyer) dem schlaksigen Kerl an die Gurgel geht (Foto), steht dieser trotz aller Blessuren tapfer wieder auf.

Doch irgendwann ist auch Woyzecks Kraft erschöpft. So, wie er zu Anfang mit seinem Messer stoisch die Stecken für den Hauptmann schnitzt, so mechanisch sticht er am Ende immer und immer wieder zu, bis seine geliebte Marie tot auf dem Boden liegt. Friederike Ott verkörpert dieses zarte, engelsgleiche Wesen, das mit dem unehelichen Kind überfordert ist und sich in die starken Arme des Tambourmajors flüchtet.

Vontobel zieht alle Register des heutigen Regietheaters. Neben einer durchgängigen musikalischen Untermalung am Piano (Marco Ramaglia) und an Percussion (Yuka Ohta) setzt er auf starke Bilder durch Videovergrößerungen, die er auf einem metallisch glänzenden Fadenvorhang (Bühne: Claudia Rohner) bannt. Da verzerren sich die Gesichter der hämischen Mitmenschen zu tierischen Fratzen, die Woyzeck wegen seiner Andersartigkeit gnadenlos auslachen. Da tobt ein wilder Tanz, wenn Marie sich mit dem Kraftprotz paart und Woyzeck das lautstarke Getöse nicht mehr ertragen kann.

Die herbeigesehnte Stille bringt Erlösung und den Tod. Und für das Publikum ein nachdenkliches, berührendes Ende mit dem wunderbar erzählten Märchen »Es war einmal ein arm Kind…« Tosender Applaus bei der ausverkauften Premiere am Samstagabend im Großen Haus.

Die Heilbronner Künstlergruppe BMP ist mit dem Kunstpreis Worpswede ausgezeichnet worden. Die drei Künstler bekamen die Auszeichnung am Samstag im Mobilitätsmuseum PS.Speicher im südniedersächsischen Einbeck für ihr Objekt »Universelle Mobilität«, wie der Kunstverein ART-Projekt Worpswede-Deutschland mitteilte. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis würdigt herausragende Leistungen der bildenden Kunst zu wirtschaftlich und politisch relevanten Themen. Diesmal standen die Begriffe Auto, Macht und Mobilität im Fokus.

Mit einer Retrospektive sowie Diskussionen und einer Ausstellung erinnert die Oper Stuttgart an den in Russland unter Hausarrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikow. Zahlreiche Sonderveranstaltungen rücken bis zum 10. Oktober das Schicksal des Leiters des Moskauer Avantgarde-Theaters Gogol in den Mittelpunkt. Am 22. Oktober beleuchten Experten bei einem Podiumsgespräch unter dem Titel »Chronik der Ereignisse – Kirill Serebrennikow im Visier der Staatsgewalt« den Fall des Künstlers, der vorerst bis 19. Oktober wegen Betrugsverdachts unter Hausarrest steht. Wegen der Einschränkungen für Serebrennikow hatte die Oper vor Kurzem die von dem Russen in Stuttgart geplante Märchenoper »Hänsel und Gretel« auf Eis gelegt. Am vorgesehenen Premierendatum 22. Oktober kreiert das Team aber mit Material, das bei den Vorarbeiten entstand, einen Abend unter dem Titel »Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikow«.

Der Iraner Hossein Pishkar hat in Köln den Deutschen Dirigentenpreis erhalten. Wie der Deutsche Musikrat mitteilte, überzeugte der 1988 geborene Pishkar mit Schumanns »Manfred-Overtüre« zusammen mit dem WDR-Sinfonieorchester sowie mit einem Quartett aus Verdis »Rigletto« mit dem Gürzenich-Orchester Köln und Sängern der Oper Köln. Er kann sich über ein Preisgeld von 20 000 Euro, eine Assistenz beim Gürzenich-Orchester Köln sowie eine Produktion mit dem WDR-Sinfonieorchester freuen. Insgesamt hatten sich nach Angaben der Organisatoren 80 Dirigenten aus 25 Ländern um den Preis beworben. Zwölf Kandidaten kamen in die letzten Runden, in denen sie sich vor einer Jury beweisen mussten.

Mit dem symbolischen ersten Spatenstich haben in Kronberg im Taunus die Bauarbeiten zu einem Konzertsaal der Kronberg Academy begonnen. Das »Casals Forum« unweit des Bahnhofs soll künftig rund 550 Zuhörern Platz bieten und besonders für Kammermusik geeignet sein. Neben dem Saal errichtet die Kronberg Academy nach eigenen Angaben ein Unterrichtszentrum für ihre Studenten. Das 36 Millionen Euro teure Projekt wird vor allem durch private Geldgeber finanziert.

Eröffnet werden soll der Bau der Staab Architekten aus Berlin im Jahr 2020/21. Der Entwurf sieht eine transparente Glasfassade vor, die den Blick in einen benachbarten Park ermöglicht. Im Innern des Saals sollen geschwungene Wände den Schall breit streuen. Namensgeber ist der berühmte Cellist Pablo Casals (1876–1973).

Nach dem Ende der knapp einwöchigen Besetzung der Berliner Volksbühne hat das Theater am Samstagabend seine erste Schauspielpremiere unter dem neuen Intendanten Chris Dercon gefeiert. Gezeigt wurde eine ungewöhnliche, mit Laiendarstellerinnen besetzte »Iphigenie«-Inszenierung der syrischen Theatermacher Omar Abusaada und Mohammad Al Attar.

Schauplatz der Premiere war allerdings nicht das Stammhaus des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz, sondern ein Hangar auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof. Dort hatten der Belgier Dercon und sein Team vor drei Wochen die Spielzeit mit dem zehnstündigen Tanzspektakel »Fous de Danse – Verrückt nach Tanz« gestartet.

In der Adaption des Euripides-Dramas »Iphigenie« standen neun junge Frauen aus Syrien auf der Bühne, die als Flüchtlinge nach Berlin kamen. Das antike Drama wird gespiegelt in Szenen, in denen die Frauen in einem Bewerbungsgespräch für die Rolle der Iphigenie vorsprechen. Gespielt wurde auf Arabisch mit deutschen und englischen Übertiteln.

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