28. Februar 2017, 18:39 Uhr

Regie führen ist wie Tango tanzen

28. Februar 2017, 18:39 Uhr
Leidenschaftlicher Tangotänzer: Andreas Kriegenburg. (Foto: dpa)

Der bildstarke Regisseur Andreas Kriegenburg, in Frankfurt hochgelobt für seine zirzensische »Möwe«, wird Patrick Marbers Komödie »Drei Tage auf dem Land« am Samstag im Schauspielhaus zur deutschen Erstaufführung bringen. Kriegenburg ist eine Doppelbegabung: Neben seinen überragenden Regieleistungen wurde er vielfach für seine visionären Bühnenbilder ausgezeichnet. Unsere Mitarbeiterin Bettina Boyens sprach mit ihm über Messies, Tango tanzen und darüber, warum er sich mit Marbers Stück nicht von Frankfurt verabschiedet, sondern wiederkommen wird.

Ihr Bühnenbild sieht nach Endzeitstimmung aus.

Andreas Kriegenburg : Jein. Was wir sehen, war früher mal ein herrschaftliches Haus, ein Durchgang zwischen zwei Flügeln. In dem leben offensichtlich Leute, die sich von nichts trennen können, die im Laufe der Zeit unglaublich viele Möbel angehäuft haben.

Also Messies?

Kriegenburg: Wenn, dann sind es Traditionsmessies, die an einem Ruf oder einer Attitüde von früher festhalten.

Die Ehe zwischen Gutsbesitzer Arkadij und seiner Frau Natalja ist ja auch nicht mehr so toll.

Kriegenburg: Auch da blättert die Farbe ab. Einerseits spiegelt das Bühnenbild den persönlichen, aber auch den gesellschaftlichen Verfall wider, denn sie sitzen ja in ihrer Situation fest und schauen ihrem eigenen Verfall zu.

Mir scheint das Sujet des Stücks doch aus der Zeit gefallen. Die ganze Palette einer versunkenen russischen Gutsherrenwelt.

Kriegenburg: Zum einen erscheinen die Verhältnisse, was unsere Gesellschaft betrifft, wieder konturierter. Auf der anderen Seite ist das Stück ein funktionierender Spiegel für eine zu große, fast lähmende Stabilität unserer Gesellschaft.

Aber der junge Hauslehrer Beljajew sagt im Stück: »In hundert Jahren ist diese Welt mit ihren Regeln Schutt und Asche, wie wir lebten, wie wir liebten und uns nach der Zukunft sehnten.«

Kriegenburg: Das sind die klassischen russischen Glocken, die hier geläutet werden. Das Motiv, auf die Gegenwart zu schauen, auf die drängende Veränderung und auch auf die Nichtigkeit des eigenen Lebens, das taucht in fast jedem Tschechow auf. Das Schöne bei den Russen ist ja immer die Gleichzeitigkeit von Hoffnungsvisionen und Melancholie.

Wie inszenieren Sie Patrick Marber?

Kriegenburg: Wir spielen mit einem filmischen Realismus, in dem ich mich gar nicht zu Hause fühle. Ich sitze nicht in meiner eigenen Absicherung.

Schwer auf dieser riesigen Bühne, so etwas gehört doch in die Kammerspiele.

Kriegenburg: Das hat auch Vorteile. Auf dieser großen Bühne hat man viel mehr Platz, um voreinander wegzurennen. Man kann hier die Verzweiflungsgruben tiefer ausschachten als in den Kammerspielen.

Bühnenbild oder Regie? Wie entstehen die Einfälle in ihrem Kopf und was entsteht zuerst?

Kriegenburg: Manchmal entsteht aus dem Text, den ich lese, sofort ein Bild. Mitunter ist es so, dass mehrere Bilder in mir hochsteigen, und dann, – weil ich keinen direkten Arbeitspartner habe –, wie hilflos drei, vier verschiedene Bühnenbilder baue. Dann bespreche ich mich zusammen mit dem Dramaturgen und der Technik. Das Verblüffende ist, dass die Technik sich meist das komplizierteste Modell aussucht.

Sie haben mir mal vor Jahren verraten, dass Sie gerne Tango tanzen.

Kriegenburg: Ja, leidenschaftlich. Sie brauchen mir nur ein, zwei Fragen über Tango stellen und dann höre ich nicht mehr auf zu erzählen.

Von allen Paartänzen, die ich kenne, ist das der größte Macho-Tanz.

Kriegenburg: Das ist überhaupt nicht so.

Ach, die Frau sagt also beim Tangotanzen, was sie will?

Kriegenburg: Der Glückszustand beim Tango ist, dass man nicht mehr weiß, wer führt und wer folgt. Der Mann genießt auch die Stärke der Frau und lässt sich von ihr führen.

Wenn Sie die Tangosituation aufs Theater übertragen, wer führt und wer folgt?

Kriegenburg: Auf der Probe gibt es einen ähnlichen Dialog. Ich versuche, vorsichtig Türen zu öffnen und zu führen, aber ich probiere auch aus, so vielfältig und so reich zu sein, dass der andere in der Verbindung mit mir Vergnügen hat und ihm viele Möglichkeiten der Interpretation bleiben.

Sie haben sehr viel und sehr erfolgreich inszeniert in der Intendanz von Oliver Reese. Werden Sie uns in Frankfurt auch weiter erhalten bleiben?

Kriegenburg: Ja, weil ich Marion Tiedtke, die neue Chefdramaturgin unter Anselm Weber, sehr gut kenne, viel mit ihr zusammengearbeitet habe und sie ungeheuer schätze. Da freue ich mich auf eine Wiederbegegnung.

Bettina Boyens

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