04. November 2018, 20:00 Uhr

Raabe-Literaturpreis für Judith Schalansky Aribert Reimann für Lebenswerk geehrt Kostbarer Fund im Schnee Explosiver Stoff verpufft Isländische Komödie siegt bei Filmtagen Neue Kunstmesse in Frankfurt wird fortgesetzt

Ein »Tatort«-Kommissar als Hauptdarsteller auf der Bühne: Dietmar Bär schlüpft in der Uraufführung von »Furor« am Schauspiel Frankfurt in die Rolle des jovialen Lokalpolitikers Heiko Braubach. Und er gerät in der Auseinandersetzung mit einem Wutbürger an die Grenzen seiner Überzeugungskraft. Ein brisanter Stoff aus der bewährten Feder von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.
04. November 2018, 20:00 Uhr
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Von DPA
Schalansky

Für ihr Buch »Verzeichnis einiger Verluste« ist die Schriftstellerin Judith Schalansky in Braunschweig mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet worden. Oberbürgermeister Ulrich Markurth und der Intendant des Deutschlandradios, Stefan Raue, überreichten am Sonntag die mit 30 000 Euro dotierte Auszeichnung. Sie gehört zu den angesehensten literarischen Preisen im deutschsprachigen Raum.

Die Autorin (38) sei eine Grenzgängerin zwischen Natur und Poesie, zwischen Wissenswelten und Fantasiereichen, zwischen Zählen und Erzählen, hieß es in der Begründung der Jury. »Sie findet eine Verkehrssprache für den Umgang mit dem Toten und dem Verlorenen«, lautete das Urteil der Literaturexperten. (Foto: dpa)

Er gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten: Aribert Reimann. Am Samstagabend ist der Berliner, der auch als Pianist und Musikwissenschaftler erfolgreich ist, für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Theaterpreis »Der Faust« ausgezeichnet worden. Reimann sei ein Global Player und seine Musik omnipräsent, sagte Musikkritikerin Eleonore Büning in ihrer Laudatio während der Gala in Regensburg. Reimann hat mehr als 70 Musikwerke geschrieben – Liederzyklen, Instrumentalstücke, Orchesterwerke und mehrere Opern. Seinen Durchbruch feierte er 1978 mit der Oper »Lear« an der Bayerischen Staatsoper in München.

»Der Faust« reiht sich bei Reimann ein in eine lange Reihe an Auszeichnungen. So hat der 82-Jährige unter anderem den als Nobelpreis für Musik geltenden Ernst-von-Siemens-Musikpreis sowie den Robert-Schumann-Preis verliehen bekommen.

»Der Faust« wurde in neun weiteren Kategorien vergeben. So wurde die Hamburger Thalia-Schauspielerin Barbara Nüsse für ihre Darstellung des Prospero in Shakespeares »Der Sturm« als beste Darstellerin ausgezeichnet. Zum ersten Mal gab es in diesem Jahr einen Perspektivpreis, mit dem die Aktion »40 000 Theatermitarbeiter treffen ihre Abgeordneten« ausgezeichnet wurde. Damit sollen Politiker auf die Situation an den Theatern aufmerksam gemacht werden. (Foto: dpa)

Vor 73 Jahren führte der Krieg ihren Vater nach Kassel. Nun war es dagegen ein versöhnlicher Anlass, weswegen die US-Amerikanerin Denise Nelson in die Stadt kam. Denn die 75-Jährige war mit ihrem Mann Jon Dennis extra aus Florida angereist, um dem Land Hessen ein Stück Geschichte zurückzugeben: eine kleine Puderdose aus Elfenbein, die einst im Besitz des Landgrafen Carl von Hessen-Kassel war.

Im Jahr 1710 hatte der Landgraf das Kunstobjekt von einem dänischen Elfenbeindrechsler gekauft. Die geschnitzte Landschaftsdarstellung darauf und ein von Engeln flankiertes Monogramm auf dem Deckel zählen laut der Museumslandschaft Hessen Kassel (mhk) zu den herausragenden Elfenbeinarbeiten des frühen 18. Jahrhunderts in der Kasseler Sammlung.

Doch das Kunstwerk verschwand im Zweiten Weltkrieg spurlos. Der Krieg hatte Kassel hart getroffen, der Bombenhagel die Stadt größtenteils zerstört. Der US-Soldat Robert Edward Slicker – Nelsons Vater – marschierte wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation in Kassel ein. Er habe die Puderdose 1945 in einer Schneeverwehung neben den Ruinen von Schloss Wilhelmshöhe gefunden, berichtet seine Tochter. Er habe die filigran gefertigte Dose an sich genommen, um sie vor Schaden zu schützen. Dass das Einstecken der Dose ein Unrecht war, war auch seiner Tochter bewusst.

Nach seinem Tod beschloss Denise Nelson, sie zurückzugeben. Sie legte in der Deutschen Botschaft Fotografien vor, woraufhin diese mit der Museumslandschaft Hessen Kassel Kontakt aufnahm. »Obwohl es dort zunächst keine historische Fotografie der Dose gab, konnte sie anhand der Inventareinträge von 1791 und 1913 identifiziert werden«, erklärte die mhk. Zudem sei die Dose in einer Aufstellung der Kriegsverluste vermerkt. Über ein altes Foto aus den Archiven konnte sie schließlich identifiziert werden.

»Für die Museumslandschaft Hessen Kassel und das Land Hessen ist die Rückgabe der Elfenbeindose etwas ganz Besonderes«, sagte Eric Seng vom Hessischen Kunstministerium. Auch wenn sie nicht das größte, das älteste oder das teuerste Objekt der landgräflichen Sammlungen sei, so sei sie aufgrund ihrer Geschichte doch ganz besonders wertvoll. »Betont werden muss, dass für das Vorgehen von Frau Nelson keine rechtliche Verpflichtung besteht und sie die Dose ohne Geldforderungen an das Land zurückgibt«, sagte Seng. Es sei allein der Großzügigkeit der Amerikanerin zu verdanken, dass die Elfenbeindose wieder in Kassel sei.

Werke im Krieg verloren

Dass wertvolle Kunstgegenstände freiwillig zurückgegeben werden, kommt laut dem Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste durchaus vor. Wie oft, werde nicht gemeldet, sagte eine Sprecherin. Das Zentrum betreibt die Datenbank Lost Arts für Kulturgüter, die durch den Krieg oder die Nationalsozialisten verschwanden. Die Listen umfassen noch rund 169 000 detailliert beschriebene und Millionen summarisch erfasster Objekte.

Grundsätzlich gibt es für Museen die Möglichkeit, auf dem Rechtsweg Kulturgüter zurückzuerlangen, wenn ihr Verbleib bekannt ist. Doch das sei »sehr kostenintensiv und meistens aussichtslos«, erklärte Justus Lange, Leiter der Sammlungen der mhk. Deswegen einige man sich in den meisten Fällen auf eine Entschädigungszahlung an den aktuellen Besitzer von zehn bis 20 Prozent des Schätzpreises. Das wäre bei der Puderdose ein erheblicher Betrag gewesen – ihr Wert wird laut mhk sechsstellig geschätzt.

Komplett sind die Kasseler Museumsbestände noch lange nicht. Viele Kunstwerke gingen im Krieg verloren. Einige tauchten auf, andere fehlen noch. Vermisst wird unter anderem noch der Kopf der »Bacchantin«, einer Statue aus dem Marmorbad in der Karlsaue. Doch der Kopf – so die Hoffnungen bei der Museumslandschaft – könnte in einem Privathaushalt liegen und auch irgendwann zurückgegeben werden.

Sie fallen alle, die Schlagwörter, die das politische Klima in Deutschland und Europa in letzter Zeit derart aufheizen: Lügenpresse, Hass-Mails, Shitstorm, Verschwörungstheorien, Volksverräter, Rechtsradikalismus, Zerstörung, Gewalt. »Ich scheiß auf die Demokratie«, ist da zu hören, vom »Dreckspack von Politikern« ist die Rede und vom »Volk, das den Bach runtergeht«. Das alles brodelt hinter der Fassade von Plattenbauten, wie das Bühnenbild von Lydia Merkel assoziiert. Die Keimzelle ist bescheiden im Stil eines schwedischen Möbelhauses eingerichtet.

Hier prallen sie aufeinander, die Welten dreier Personen, deren Ansichten nicht unterschiedlicher sein könnten, die aber eines verbindet: Angst. Angst um die Existenz, um das Leben, um die Macht und Karriere. Vielschreiber Lutz Hübner hat zusammen mit seiner Frau Sarah Nemitz diesen kleinen explosiven Mikrokosmos im Auftrag des Schauspiels Frankfurt konstruiert – ein Werk, an dem sie zweieinhalb Jahre feilten, bis es nun am Freitag vor ausverkauftem Großen Haus zur Uraufführung kam.

Dietmar Bär, den seit Bochumer Theaterzeiten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Intendant und Regisseur Anselm Weber verbindet, stand von Anfang an als Protagonist fest, die Rolle wurde ihm quasi auf den Leib geschneidert. Auch Katharina Linder, die in »Furor« eine vom Leben gezeichnete Mutter spielt, schätzt Weber seit vielen Jahren.

In der kleinen Hochhauswohnung gibt es nun eine Konfrontation der Standesunterschiede. Bär, den als Oberbürgermeisterkandidaten scheinbar so nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet. Denn vor zweieinhalb Wochen hat er den Sohn der Altenpflegerin zum Krüppel gefahren – ein Unfall, an dem Heiko Braubach keine Schuld trifft, da der 18-Jährige – mit Drogen vollgepumpt – vor sein Auto rannte. Doch der Ministerialdirigent, der natürlich gerne seine Wahl gewinnen möchte, will helfen, und rasch geht die anfangs so irritierte und verzweifelte Mutter auf Braubachs Vorschläge ein.

Alles scheint auf dem richtigen Weg – bis Jerome in das Gespräch platzt. Er reißt die Verhandlungsführung an sich, fordert 100 000 Euro Schmerzensgeld plus eine monatliche Rente für seinen schwerverletzten Cousin. Fridolin Sandmeyer verkörpert das Inbild einer gescheiterten Existenz – fahrig in seinen Gesten, radikal in seinen Gedanken. Als knapp 30-Jähriger schuftet sein Jerome als Paketbote für fünf Euro die Stunde bei einem Subunternehmer der Post. Ein im Leben zu kurz Gekommener, der nun seine große Stunde in der Begegnung mit Braubach gekommen sieht. Fake-News im Netz, geheime Handy-Mitschnitte und schließlich sogar ein bedrohliches Messer: Der sichtlich nervöse Herausforderer zieht alle Register, um den fast schon stoischen Politiker aus der Fassung zu bringen. »Sie glauben an die Macht des Wortes«, schreit Jerome ihm entgegen, »und meinen, alle Probleme der Welt einfach wegquatschen zu können.« Der Frust über die da oben sitzt tief: »Da gibt es Schuldige, da läuft etwas brutal schief.«

Fein beobachtet, skizziert das Autorenpaar den Zustand der Politikverdrossenheit und Radikalisierung in Deutschland. Aber es gibt keine Antworten und erst recht keine Lösungen. Am Ende löst sich alles irgendwie in Wohlgefallen auf. Die Explosionskraft des Stoffes verpufft, die Ratlosigkeit bleibt. Dabei vertraut Regisseur Weber ganz und gar der Wirkung des Textes – und es ist den überaus präsenten Darstellern zu verdanken, dass einiges nicht doch zu sehr nach Papier klingt. Das Premierenpublikum weiß, die konzentrierte, zweistündige Leistung mit viel Beifall und Bravo-Rufen zu würdigen. Der große Wurf ist dem Dramatikerpaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz aber diesmal nicht gelungen.

Die isländische Komödie »Gegen den Strom« (Kona fer í stríd) ist mit vier Auszeichnungen der große Gewinner der 60. Nordischen Filmtage Lübeck. Der Spielfilm von Benedikt Erlingsson erhielt am Samstag den mit 12 500 Euro dotierten NDR Filmpreis, den Baltischen Filmpreis (2500 Euro), den Kirchlichen Filmpreis Interfilm und den Publikumspreis der »Lübecker Nachrichten« (beide je 5000 Euro). Der Film nehme sich des ernsten Themas Umweltzerstörung an, aber mit Leichtigkeit und ohne es lächerlich zu machen, hieß es. Es ist das erste Mal in der Geschichte des bedeutendsten europäischen Festivals zum skandinavischen Film, das eine Produktion vier Preise gewann.

Der erstmals vergebene Preis des Freundeskreises für das Beste Spielfilmdebüt (7500 Euro) ging an »Die kleine Genossin« (Seltsimees laps) der Regisseurin Moonika Siimets aus Estland.

Die neue Kunstmesse »Discovery Art Fair« wird 2019 fortgesetzt. Das hat der Veranstalter nach der ersten Ausgabe der neuen Messe entschieden, die am Sonntag zu Ende ging. Bis am Mittag des letzten Tages seien rund 10 200 Besucher gezählt worden. Damit genieße die neue Kunstmesse in Frankfurt bereits eine ähnliche Beliebtheit wie an den beiden anderen Veranstaltungsorten der »Discovery Art Fair« in Köln und in Berlin. Die Messe in der hessischen Metropole sei »ein voller Erfolg« gewesen, hieß es.

An den drei Tagen seien Kunstwerke im Wert von insgesamt mehreren 100 000 Euro verkauft worden, teilte der Veranstalter weiter mit. Der Schwerpunkt der Messe liege auf bezahlbarer Kunst mit Preisen ab 100 Euro – der durchschnittliche Kaufpreis notierte bei rund 2000 Euro. »Junge Kunst zu moderaten Preisen« – mit dieser Kombination wollte die Messe neue Zielgruppen ansprechen. Rund 75 Aussteller aus 14 Ländern nahmen teil, rund 20 Prozent davon aus Hessen.



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