13. Juli 2017, 22:19 Uhr

Musik einer Generation

13. Juli 2017, 22:19 Uhr
Auch Bad Boy Alice Cooper darf bei der Covershow der 1960er und 70er Jahre nicht fehlen. (Foto: Claus Tölle)

»Guten Tag, liebe Beat-Freunde«, sagt ein Mann in Anzug, der am Mittwochabend die Wetzlarer Bühne betritt. Wir schreiben den 25. September 1965, wie ein Sprecher aus dem Off zuvor angekündigt hat. »In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für euch gemacht ist«, sagt der Moderator und bittet auch gleich um Verständnis für die Sendung von jungen Leuten für junge Leute – begleitet von Jubelrufen aus dem nicht mehr ganz so jungen Publikum. Vorhang auf. »Halbstark, oh, baby, baby Halbstark«, singt ein halbes Dutzend tanzender und twistender Schauspielerinnen und Schauspieler in knielangen Bleistiftröcken und Jacketts – mit dem einst auch die ARD-Sendung von Radio Bremen vor über 50 Jahren an den Start ging. Begleitet vom Lippe-Saiten-Orchester gastiert das Ensemble des Westfälischen Landestheaters an diesem Abend mit »Beat-Club – Die Musik einer Generation« bei den Wetzlarer Festspielen – wegen des Wetters in der Stadthalle und nicht im Rosengärtchen.

Rüschenhemd und Afro

Vor dem großen Beat-Club Logo mimen Franziska Ferrari und Maximilian von Ulardt die Moderatoren der Kult-Musik-Show Uschi Nerke und Gerhard Augustin. Schlaghose, Rüschenhemd, Fransenjacke, Miniröcke und Afrofrisur – auch die Kostüme drehen die Zeit zurück. Wie in der TV-Sendung, die bis 1972 mit 83 Folgen ausgestrahlt wurde, gibt es in Wetzlar kurze Moderationen und vor allem Live-Musik. Auch die tanzenden GoGo-Girls sind mit dabei. Mit Liedern von The Who, The Rolling Stones, The Beatles, Jimi Hendrix, CCR, Led Zepplin oder Manfred Man sind abgesehen vom Song »Halbstark« der Yankees ausschließlich englische Stücke vertreten – gesungen von unterschiedlichen Darstellern. Großen Applaus erntet dabei Patrick Sühl, der etwa »Whole lotta love« von Led Zepplin singt und Jimi Hendrix’ Gitarre spielt. Was im zugeknöpften Nachkriegsdeutschland als »Affenmusik« und »entartete Kunst« beschimpft wurde, begeisterte damals die Jugendlichen und versprühte einen revolutionären Zeitgeist. Das verdeutlichen auch Episoden des Stücks, etwa über die Fanpost, schimpfende Eltern, aber auch den Konsum von Marihuana.

Keyboarder spielt Luftgitarre

»Bei jedem Lied fühle ich mich an meine Jugend erinnert«, sagt eine 65-jährige Zuschauerin, die den Beat-Club früher begeistert im Fernsehen verfolgt hat. Die Auswahl der Songs habe ihr gut gefallen. Viele der rund 700 Gäste hält es bei Liedern wie »I’m a believer«, »Bad moon rising« oder »Mighty Quinn« nicht auf ihren Stühlen. Sie tanzen, singen, klatschen und jubeln – am Ende steht das gesamte Publikum. Selbst der für musikalische Leitung und Inszenierung verantwortliche Tankred Schleinschlock, der eigentlich Keyboard spielt, ist zwischen Traverse und Vorhang immer wieder beim Tanzen und Luftgitarre spielen zu beobachten. Doch auch Feisula (21), Alem (28) und Ahmed (21) sind heute nach Wetzlar gekommen. Alle drei leben noch nicht allzu lange in Deutschland. Ob sie die Musik und den Beat-Club kennen? Nur Ahmed aus Mauretanien kennt das Lied »I’m a believer«, aber alle sind sich einig: Die Musik ist einfach klasse. Eva Diehl

Schlagworte in diesem Artikel

  • ARD-Sendungen
  • Creedence Clearwater Revival
  • Ferrari
  • Jimi Hendrix
  • Landestheater
  • Radio Bremen
  • The Beatles
  • The Rolling Stones
  • The Who
  • Eva Diehl
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos